Der Blog

Herzlich Willkommen im Blog der Deutschen Oper Berlin! An dieser Stelle laden wir Sie ein, mit uns gemeinsam über aktuelle Premieren und Repertoirevorstellungen ins Gespräch zu kommen. Wir nehmen Sie mit auf die Reise in die belebte Vergangenheit des Hauses, erzählen Geschichten seiner Protagonisten, geben tiefere Einblicke in die vielfältige Jugendarbeit und stellen ihnen wunderbare Künstler/Innen vor. Wir freuen uns auf Sie und ihre Kommentare!

30.04.2013

„Diese Stadt bietet wunderbar viel Luft zum Atmen“

Schrippen statt Croissants: Die Französin Clémentine Margaine genießt das Leben in Berlin. Für die junge Sängerin ist dies die Musikstadt schlechthin – Ein Gespräch mit der Mezzosopranistin, geführt von Annette Zerpner

Clémentine Margaine gießt dampfenden grünen Tee in zwei Schalen und stellt die kleine gusseiserne Kanne mit dem spitz zulaufenden Deckel auf den Couchtisch zurück. Die Wintersonne scheint durch hohe Gründerzeitfenster, lässt das Parkett honigfarben schimmern und wirft Reflexe auf die dunklen Ringellocken der französischen Mezzosopranistin. Seit anderthalb Jahren ist die 30-Jährige festes Ensemblemitglied der Deutschen Oper Berlin und lebt in Schöneberg nah am Nollendorfplatz. Jetzt sitzt sie ohne Schuhe in einem ihrer hellgrün bezogenen Cocktailsessel, die blickdicht bestrumpften Beine in eleganter Kurve in den Raum gegossen und antwortet aus der Pistole geschossen auf die Frage, was ihr in Berlin am besten gefällt: „Die Weite! Es ist wunderbar, in der Stadt und bei mir zu Hause so viel Platz zu haben. Und die vielen Bäume, der Tiergarten!“

Nach zehn Jahren Studium und Leben in Paris genießt die im südfranzösischen Narbonne aufgewachsene Tochter eines musikbegeisterten Arztes die Berliner Altbau-Ausmaße ganz besonders. Viele Möbel braucht sie trotzdem nicht, Clémentine liebt es luftig und offen. Die Küche steht als schlichte weiße Einbauangelegenheit mit im Raum. Ein großer Spiegel mit einer Lichterkette, ein modernes graues Sofa, ein paar Sitzgelegenheiten, fertig ist das gemütliche Wohnzimmer, in dem man sich gut eine improvisierte Tafel vorstellen kann: Madame Margaines internationale Musikerfreunde sind für ein gemeinsames gutes Abendessen immer zu haben. In einer Nische steht ein Regal mit Partituren, Büchern und CDs, von einem Cover blickt Maria Callas, mit ihrem gewaltigen Stimmumfang die Schutzheilige der Opernsängerinnen. Nur das Klavier steht noch in Paris.

Berlin, schwärmt die junge Mezzosopranistin nun, sei die Musikstadt schlechthin mit seinen drei Opernhäusern, der Philharmonie und seiner großen Künstlercommunity, die hier ansässig ist oder ein- und ausfliegt: „Hier anzukommen war ein neuer Atem.“ Wie fast immer hat auch der Zufall Anteil daran, dass sie hier sitzt. Während eines Engagements in Magdeburg wünschte sie sich Abwechslung fürs Wochenende. Ihre Agentur sorgte prompt dafür, in Form eines Vorsingens an der Deutschen Oper Berlin. Christoph Seuferle, damals Kommissarischer Leiter, war so begeistert, dass er die brünette Sängerin umgehend ans Haus holte. „Ich habe eine sehr weite Stimme, die nicht ganz den ästhetischen Idealen der französischen Gesangsschule entspricht“, erklärt Clémentine Margaine. „Dort hat man es gern ‚plus délicat‘, zarter.“ In Berlin herrsche diesbezüglich eine viel größere Offenheit.

An den deutschen Repertoirebetrieb mit seinen wenigen Proben vor der Wiederaufnahme eines Stücks hat sie sich schnell gewöhnt. Nun widmet sie sich ganz dem Ziel, „hier so viele unterschiedliche Rollen wie möglich zu singen.“ Selbstverständlich ist Bizets Carmen darunter, die Paraderolle aller Mezzo-Sängerinnen, außerdem Partien von Verdi, Wagner oder Mozart. Nächste Spielzeit steht Marguerite an, die Hauptrolle in „Fausts Verdammnis“ von Hector Berlioz. Neben großen künstlerischen Entwicklungsmöglichkeiten biete ein Engagement an der Deutschen Oper Berlin auch eine erhöhte Sichtbarkeit in der Opernszene, weiß Clémentine: „Jetzt kommen die Anfragen für Konzerte und Rollen nicht nur aus der französischen Provinz, sondern aus Paris: Hat man Erfolg im Ausland, wollen sie einen plötzlich auch dort.“

Dauerhaft in der französischen Hauptstadt zu leben, kann sie sich nicht mehr vorstellen, obwohl es für sie „die schönste Stadt der Welt“ bleibt. Im Sommer singt sie nach wie vor am liebsten in Südfrankreich, wo beinahe jeder kleine Ort sein Festival hat, oft begleitet von ihrer jüngeren Schwester Sarah, einer Pianistin. Auch Clémentine selbst hat ursprünglich in Montpellier Klavier studiert – und außerdem einige Semester Jura. Dass sie eine schöne Stimme habe, sei ihr zwar schon früher gesagt worden, aber Gesang, das sei einfach etwas gewesen, was ihr Freude gemacht habe, „etwas Gemeinschaftliches, was man mit anderen teilt, nichts, was ich beruflich machen wollte.“ Irgendwann aber habe es sie gepackt. Die Pariser Gesangspädagogin Anne-Marie Blanzat wurde ihre erste Gesangsprofessorin. „Nach drei oder vier Stunden hat sie gesagt: Vergiss’ das Klavier. Ich bin mir sicher, du wirst Sängerin.“ Abgeschlossen hat sie das Klavierstudium trotzdem noch, bevor der Gesang zum Zentrum ihres Lebens wurde. „Es ist etwas ganz Besonderes, ein Privileg, wenn man seine Leidenschaft verwirklichen darf. Da gibt es niemals Routine, “ bilanziert sie und blickt nachdenklich in ihre halb volle Teeschale.

An einer Wand zieht ein sehr buntes Gemälde den Blick der Besucherin auf sich, denn es sticht von der schlichten restlichen Einrichtung ab. Integriert sind die Worte „Falling with Style“. Gibt es dazu eine Geschichte? Die Sängerin lacht: „Eigentlich nicht.“ Ihre Eltern fanden die Wohnung beim ersten Besuch wohl etwas zu kahl und haben es darum für sie auf einem Kunstmarkt erstanden. „Jetzt freuen sie sich immer, wenn sie es beim Skypen im Hintergrund entdecken.“ Der Ortstermin endet im Badezimmer, das eindeutig ein Damenbad ist: Rund um die Wanne stehen zahlreiche Flacons und Tuben parat und verbreiten Spa-Atmosphäre. Intoniert eine professionelle Sängerin eigentlich morgens beim Duschen Stücke aus ihrem Repertoire oder trällert sie einfach ein bisschen vor sich hin wie alle anderen? Clémentine Margaine lacht und erklärt, dass sie hier gar nicht singt. „Ich weiß nicht, was die Nachbarn davon halten würden.“ Das Üben ist an den Arbeitsplatz ausgelagert, denn eine ausgebildete Stimme trägt weit und würde nicht nur im Gartenhaus, sondern in sämtlichen Teilen des Gründerzeitensembles zu hören sein.

Über einen kleinen Spiegel in rotem Holzrahmen hat die Künstlerin Schnüre gespannt, an denen ihre Sammlung langer, orientalisch angehauchter Ohrringe baumelt. „Das ist schön praktisch, ich habe dann alle im Blick“, erklärt Clémentine. Wie bei den meisten Menschen muss es bei ihr morgens oft schnell gehen. Ein altmodischer Wecker mahnt lautstark von der Ablage, wenn das Zeitlimit für die Schönheitspflege überschritten und ein Sprint zur U2 angesagt ist. Die bringt „la belle Margaine“, wie ein Berliner Kritiker sie unlängst nannte, dann ohne Umwege von ihrer Wohnung im Schöneberger Kiez in „ihr“ Haus an der Bismarckstraße.

Diese Porträt entstand für die Beilage der Deutschen Oper Berlin in der Berliner Morgenpost, April 2013.

Hinterlasse eine Antwort