Der Blog

Herzlich Willkommen im Blog der Deutschen Oper Berlin! An dieser Stelle laden wir Sie ein, mit uns gemeinsam über aktuelle Premieren und Repertoirevorstellungen ins Gespräch zu kommen. Wir nehmen Sie mit auf die Reise in die belebte Vergangenheit des Hauses, erzählen Geschichten seiner Protagonisten, geben tiefere Einblicke in die vielfältige Jugendarbeit und stellen ihnen wunderbare Künstler/Innen vor. Wir freuen uns auf Sie und ihre Kommentare!

05.04.2013

Sicht II – „It will be rain tonight“ / Neue Szenen in der Tischlerei

„Ich versuche in meinen Texten immer, konkrete Bezüge zu einem tatsächlichen Ereignis zu vermeiden. […] Es ging mir nicht um die Abbildung einer historischen Situation, so sehr sie für mich auch eine zentrale Rolle gespielt hat. […] Das war beim Schreiben zwar wesentlich, aber nicht Inhalt des Stücks, und deshalb habe ich es [die historische Situation] gar nicht erst als Kontext angegeben, da man sonst das Leid anderer als Rechtfertigung der eigenen Arbeit benutzt, was ich unlauter finde und zynisch. Außerdem verliert der Text an Bedeutung und Dimensionen, wenn man ihn zu konkret macht und auf eine Ebene begrenzt.“ (Sarah Kane am 8. Februar 1998 über ihre Stücke „Zerbombt“ und „Gesäubert“)

 

Neue Szenen – Internationaler Kompositionswettbewerb
Ich werde nicht sterben. In meinem Bett
Momentaufnahmen nach einem Text
von Christoph Nußbaumeder
Anna Politkowskaja gewidmet
In Kooperation mit der
Hochschule für Musik „Hanns Eisler“

Komposition: Stefan Johannes Hanke
Regie: Tamara Heimbrock
Textfassung: Christoph Nußbaumeder

 

 

 

Tamara Heimbrock
Nichts ist lauter als denken:
Wie in einem kurzen Schlaglicht erhaschen wir einen Blick in die Psyche einer Frau, die weiß, dass sie sterben wird. Mehr noch, ihr ist klar, dass es kein natürlicher oder gar friedvoller Tod sein wird. Nein, Frau A. weiß, dass sie nicht in ihrem Bett sterben wird. Eine solche Erkenntnis kommt als Schock. Sie lähmt, bedrängt, verängstigt. Sie verführt zur Flucht. Vielleicht kann ich der drohenden Gewalt entfliehen, wenn ich mich dem System unterordne? Wenn ich mich ins Privatleben zurückziehe und das Grauen und die Ungerechtigkeit aus meinem Heim aussperre? Aber der Verrat lauert überall, auch im eigenen Bett. Schließlich entscheidet Frau A. sich ganz bewusst, für ihre Überzeugung einzustehen. Sie wird nicht aufhören zu kämpfen für das Recht auf Freiheit. Sie wird nicht aufhören, ihre Meinung zu sagen. Sie wird uns ihre Botschaft hinterlassen, eine Botschaft, die den Tod nicht nur überdauert, sondern durch ihn nur umso klarer wird. Denn nichts ist lauter als denken.

Über die Macht des Wortes: Das gesprochene und das geschriebene Wort haben von jeher eine starke Faszination auf uns Menschen ausgeübt. Von Kindesbeinen an sind wir ihm ausgesetzt, früh lernen wir, unsere Bedürfnisse und Emotionen durch Sprache zu artikulieren, Informationen über uns und unsere Umwelt durch Schrift zu erhalten oder mitzuteilen. Ein dramatisches Werk, dessen zentrale Figur sich des Wortes als Waffe zu bedienen weiß, bietet daher sowohl Raum für eine spannende Auseinandersetzung, als auch eine große Herausforderung. In seinem sehr poetischen Monolog „Ich werde nicht sterben / In meinem Bett“ lässt uns Christoph Nußbaumeder den Gedanken einer einzelnen Frau lauschen. Sie erzählt nicht in logischer Reihenfolge, sondern geht sprunghaft von Gedanke zu Gedanke, unterbricht sich selbst, zitiert immer wieder Shakespeares Macbeth – ein Stück, in dem ein einziger Satz („All hail Macbeth, that shalt be King hereafter!“ – Shakespeare „Macbeth“ Akt I, Szene 3] die fatalen Ereignisse in Gang setzt und schließlich den Untergang des Protagonisten erzwingt.

Stefan Johannes Hanke macht daraus eine Kurzoper, die der Hauptfigur vier Stimmen entgegenstellt. Diese Stimmen erklingen in ihrem Kopf, formulieren konsequent die unterschiedlichen Schattierungen des Monologs. So entsteht der Dialog der Frau mit sich selbst, ihren Ängsten, ihren Wünschen, ihrer Vorstellung vom Außen. In dieser wortgewaltigen Struktur ist es nur natürlich, dass der Tod, wenn er dann tatsächlich kommt, nicht beim Namen genannt wird, sondern sich der künstlerischen Form bedient: mit Banquos letzem Satz „It will be rain tonight“ und der das Zustoßen des Dolches implizierenden Antwort des Mörders „Let it come down“ („Macbeth“ Akt III, Szene 3) gibt Frau A. gleichzeitig ihrer Todesangst und ihrer Todesgewissheit poetische Gestalt. Die Oper verweigert sich, wie auch der Monolog, konsequent der dramatischen Handlung und beschreibt stattdessen den gedanklichen Prozess einer Frau auf dem Weg zur Heldin.


Stefan Johannes Hanke
Über seine Herangehensweise an den Text:
„Besonders interessant am Text von Christoph Nußbaumeder ist für mich die Spannung zwischen der Gewissheit des nahenden, unnatürlichen Todes und der Ungewissheit, den Zeitpunkt und die genauen Umstände betreffend. Zu untätigem Warten verdammt, bleibt nur die Retroperspektive und Selbstreflexion. Die Aufspaltung des Monologs in fünf Rollen eröffnet die Möglichkeit, die kreisenden, quälenden Gedanken, ebenso wie vereinzelte zarte Erinnerungen, plastisch herauszuarbeiten. Die verdichtete Sprache des Texts lässt dabei immer wieder neue musikalische Ausleuchtungen zu.“

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