Der Blog

Herzlich Willkommen im Blog der Deutschen Oper Berlin! An dieser Stelle laden wir Sie ein, mit uns gemeinsam über aktuelle Premieren und Repertoirevorstellungen ins Gespräch zu kommen. Wir nehmen Sie mit auf die Reise in die belebte Vergangenheit des Hauses, erzählen Geschichten seiner Protagonisten, geben tiefere Einblicke in die vielfältige Jugendarbeit und stellen ihnen wunderbare Künstler/Innen vor. Wir freuen uns auf Sie und ihre Kommentare!

05.04.2013

Sicht III – „Wie man findet, was man nicht sucht“ / Neue Szenen in der Tischlerei

Sehr, sehr oft kommen Mitglieder des Deutschen Bundestages in die Redaktion der Nowaja Gaseta zu uns, auf eigenen Wunsch, mit Reportern, Fotografen und allem. Sie melden sich an, sie möchten mit uns ein Gespräch haben. Wir nehmen uns die Zeit, setzen uns hin, führen stundenlange Gespräche mit ihnen, erklären ihnen Russland von A bis Z, von vorne bis hinten, und was ist das Resultat? Es passiert nichts, rein gar nichts. Sobald es um konkrete Fragen geht, um einen aktiven Beitrag, flüchten sie sich in hohle Phrasen, schließlich haben unsere Schilderungen den Bedarf an politischer Exotik bereits gedeckt. (Anna Politkowskaja, 2004)

 

Neue Szenen – Internationaler Kompositionswettbewerb
Ich werde nicht sterben. In meinem Bett
Momentaufnahmen nach einem Text
von Christoph Nußbaumeder
Anna Politkowskaja gewidmet
In Kooperation mit der
Hochschule für Musik „Hanns Eisler“

Komposition: Leah Muir
Regie: Michael Höppner
Text: Harry Lehmann

 

 

 

Michael Höppner
Die Nachrufe werden sich mit Lobgesängen überschlagen:
Das Leben, Wirken und der gewaltsame Tod Anna Politkowskajas schienen mir zunächst in Form einer klassischen Märtyrerlegende darstellbar zu sein: Eine Frau, die ihre Aufgabe höher stellte als ihr Leben, die sich für ihre Überzeugung opferte, die nicht bloß im Beruf, sondern an ihrer Berufung starb, allen Gefahren und ihren Feinden die Stirn bot, in die man schoss, und die ihre Ermordung in Ausübung einer selbst auferlegten Pflicht in Kauf nahm.

Meiner Ansicht nach macht das den Kern unserer Faszination für Anna Politkowskaja aus. Die Empörung über die mutmaßlichen Täter und die Verzückung über ihre Passion halten sich die Waage. Die Begeisterung für Anna Politkowskaja und die Anteilnahme an ihrem Schicksal sind in der westlichen Medienöffentlichkeit allgemein und ungeteilt. Alle Nachrufe, Preisreden und Meldungen zeugen davon. Die Verehrung und Lobpreisung dieser beeindruckenden Journalistin ist sogar derart überschwänglich und einhellig, dass man sich unwillkürlich fragt, ob sich darin nicht mehr ausdrückt, als bloß das ins Mythische überhöhte Heldentum einer konkreten Person.

Märtyrer sind immer Vorbilder, die eine gesellschaftliche Funktion erfüllen und kollektive Bedürfnisse befriedigen. Märtyrerlegenden verraten daher mindestens genauso viel über diejenigen, die sie verbreiten und an sie glauben, wie über die Märtyrer selbst. Meine Vermutung ist, dass Märtyrer Stellvertreterfiguren sind, deren Handeln, Leiden und gewaltsamer Tod für etwas einstehen bzw. etwas stellvertretend vollziehen, was denen, die das Martyrium bewundern, nicht gelingen will, was sie vielleicht sogar unterlassen. Märtyrer sind sozusagen Handlungsbevollmächtigte und Leidensbeauftragte. In diesem Sinne bestünde die Vorbildfunktion des Märtyrers also gar nicht in einem Appell, es ihm gleich zu tun oder in seinem Sinne zu handeln, sondern im Gegenteil darin, gerade nicht so handeln zu müssen, weil ein bestimmtes, zumeist unangepasstes und widerständiges aber gleichsam notwendiges Handeln für einen bereits erledigt und mit dem Leben bezahlt wurde. In diesem Fall ersetzt die Würdigung des Martyriums dessen Nachvollzug. Hierbei handelt es sich zugegebenermaßen um eine friedliche und zivilisierte Form des Märtyrerkults, unproblematisch ist sie deshalb nicht. So nachvollziehbar die Heiligenverehrung der Anna Politkowskaja ist, so problematisch ist sie: Nicht allein, dass sie uns eine kritische Selbstbefragung erspart, die sich aufdrängen müsste, wenn wir Anna Politkowskajas hoch gesetzte Maßstäbe an uns selbst anlegten, vielmehr missverstehen wir auch ihre Botschaft, wenn wir sie anhimmeln: Nicht Preise, Auszeichnungen und Aufmerksamkeit für ihre Person wollte Anna Politkowskaja, sondern einen aufrichtigen und engagierten Kampf gegen jene Missstände, über die sie schrieb. Der Tschetschenienkonflikt ist heute nahezu vergessen, die krassen Verwerfungen innerhalb der russischen Gesellschaft scheren uns nicht, aber der Kult um ihre Person wirkt weiter, mit den besten Absichten zugegeben und dennoch nicht zuletzt dem Medienmarktgesetz der sensationellen Personalisierung unterworfen.

Ich mache mir diese Gedanken, weil die Verwandlung Anna Politkowskajas in eine Bühnenfigur unwillkürlich der Gefahr ausgesetzt ist, sie zur bloßen Ikone zu stilisieren und sich mithin der beschriebenen Tendenz des Umgangs mit dem Thema einfach anzuschließen. Ich fand es daher naheliegend, diesen öffentlichen Umgang mit ihrem Fall selbst zum Gegenstand meiner Inszenierung machen. Eine in ihrer Dialektik bestechend klarsichtige Dramatisierung einer ähnlichen Märtyrerlegende findet sich bei Brecht: Die Heilige Johanna der Schlachthöfe, die sich aus echter Anteilnahme und selbstlosem Mitgefühl für die Armen und Unterdrückten einsetzte und sich in deren Namen mit den Mächtigen anlegte, wird letztlich von ebenjenen Mächtigen heiliggesprochen und so um ihre Wirksamkeit gebracht.


Leah Muir
Über ihre Herangehensweise an den Text
„Besonders hat mich der Kontrast zwischen der russischen und der deutschen Kultur interessiert, nicht zuletzt wegen der komplizierten Geschichte zwischen den beiden Ländern. Dem Thema Anna Politkowskaja habe ich mich aus einer gewissen Distanz genähert, auch um die Integrität dieser Frau zu wahren, die ihren Einsatz für Bürger- und Menschenrechte als Journalistin mit dem Leben bezahlen musste. Ich habe mit Kurzgeschichten des Philosophen Harry Lehmann gearbeitet, in denen der Kontrast zwischen russischer und deutscher Kultur sichtbar wird und in denen die sehr unterschiedlichen Einstellungen zu Leben, Tod, Gefahr, Zufall und Freiheit in den beiden Gesellschaften erfahrbar werden. In diesem Kontext wird für mich das Leben von Anna Politkowskaja greifbar.“

Ein Kommentar zu “Sicht III – „Wie man findet, was man nicht sucht“ / Neue Szenen in der Tischlerei”

  1. Interview Anna Politkowskaja Buchmesse 2005

    Was erwarten Sie in bezug auf Ihre eigene Person, auch Sie sind ja gefährdet, auch Sie haben Morddrohungen, auch Sie müssen ständig damit rechnen mit einer Gegenwehr des russischen Staates?

    Na, ja ich versuche nicht daran zu denken und das auszublenden, weil ich ansonsten nicht arbeiten könnte, es wäre unmöglich Also blende ich diese Gedanken aus und sage, dass ich einfach das Schicksal derjenigen teile, die dafür kämpfen, daß demokratische Prinzipien in Russland endlich nstalliert werden und das Leben ein demokratisches wird, wobei es möglich ist, daß dieser Kampf nicht gut ausgeht. Aber das ist dann einfach so.

    Sie kritisieren die Zwillingsbruderschaft von Putin und Kanzler Schröder, was würden Sie vom deutschen Bundskanzler erwarten, da richtet sich ja Ihre Kritik hin?

    Also im Prinzip erwarte ich nur eins , Putin ist ein Mensch, der im Grunde nur auf Kritik von außen reagiert und zwar auf Kritik von Menschen von dem Schlage eines Bundeskanzlers Schröder also nicht einfach auf Kritik vom Menschen auf der Straße, sondern von Menschen, die er ernst nimmt und die er für seinesgleichen hält. Wenn sie Sie so fragen, was ich von Schröder erwarte, dann erwarte ich eigentlich nur, daß er von Zeit zu Zeit doch mal Kritik anbringt und Putin kritisiert.

    Und diese Erwartungen stellen sie auch an den Deutschen Bundestag, an das Parlament?

    Ja ich würde das Gleiche auch von Vertretern des Deutschen Bundestages erwarten und zwar, weil folgendes der Fall ist. Sehr sehr oft kommen zu uns in die Redaktion der Zeitung, zur „Nowaja gaseta“, Mitglieder des Deutschen Bundestages auf eigenen Wunsch, sie melden sich an, sie möchten mit uns ein Gespräch haben, wir nehmen uns die Zeit, setzen uns hin, führen stundenlange Gespräche mit Ihnen erklären Ihnen Russland von A-Z, von vorne bis hinten, un was ist das Resultat es passiert nichts, rein gar nichts. Und sobald es um konkrete Fragen geht sobald man anfängt zu fragen könnten sie irgendwie dazu beitragen, daß es Verhandlungen gibt oder dass es ein Treffen gibt von den Soldatenmüttern und Vertretern des tschetschenischen Widerstandes, kommt automatisch eine negative, eine ablehnende Antwort .

    Wie ist die Lage im Augenblick in Tschetschenien, wie würden Sie sie beschreiben?

    Also die Situation in Tschetschenien hat sich entscheidend geändert seit dem achten März, seit dem Tod Maschadows dem legitimen Präsidenten der tschetschenischen Republik Itschkiria was einfach heißt, daß der gemäßigte Flügel der zu Verhandlungen bereit war so gut wie keine Vertreter mehr hat. Wo jetzt ganz eindeutig die Radikalen die Oberhand einnehmen, gewinnen werden. Das heißt einfach wir haben nächste Terroranschläge zu erwarten.

    Sie sprechen von einer politischen Lösung, von einem aktiven Friedensprozess. Können Sie kurz skizzieren, was Sie konkret damit meinen, Welche Forderungen erheben Sie. Welche Entwicklungen müssten eingeleitet werden, daß es zu einer solchen aktiven Friedenslösung kommt?

    Also, es ist im Prinzip sinnlos, jetzt darüber nachzudenken oder darüber zu sprechen oder überhaupt von einem Friedensprozess, weil sich seit dem achten März alles geändert hat und die Voraussetzungen nicht mehr gegeben sind. Man muss im Prinzip ganz anders und ganz neu ansetzen. Ich habe nach Beslan Putin meinen Ansatz geschickt. Der Plan basierte darauf, daß es Präsident Maschadow gibt. Mit dem Moment, daß Maschadow einfach umgebracht wurde kann man bei Null wieder anfangen und nach einer neuen Lösung suchen aber, die habe ich jetzt nicht, und kann deshalb auf diese Frage jetzt nicht antworten

    Interview Norbert Schreiber mit Anna Politkowskaja am 17.März 2005 in Leipzig

    Veröffentlicht in dem Buch
    Norbert Schreiber Anna Politkowskaja Chronik eines angekündigten Todes Wieser Verlag Klagenfurt

    Norbert Schreiber (Hg.)
    Anna Politkowskaja – Chronik eines angekündigten Mordes
    Englische Broschur
    256 Seiten
    EUR 19,80 / sfr 33,60

    Die Ermordung Anna Politkowskajas am 7. Oktober 2006 erregte nicht nur in unseren Medien sondern auch in weiten Kreisen der westlichen Bevölkerung großes Aufsehen. So deutlich wie nie zuvor wurde den Menschen mit dem gewaltsamen Tod der russischen Journalistin klar, wie weit das vom Kommunismus befreite Russland unter seinem Präsidenten Wladimir Putin von dem entfernt ist, was man im Westen unter der Einhaltung von Menschenrechten, Meinungs- und Pressefreiheit versteht.

    Norbert Schreiber, langjähriger Reporter und Hörfunkjournalist für Politik und Zeitgeschehen, hat ein Buch herausgegeben, in dem die Arbeit von Anna Politkowskaja und ihr Schicksal zum Symbol für den Zustand von Demokratie und Freiheit im heutigen Russland wird. Die Chronik eines angekündigten Mordes enthält neben Interviews und letzten, bislang auf Deutsch nicht veröffentlichten Reportagen Politkowskajas zahlreiche Beiträge zum Thema: Fritz Pleitgen (ehem. Moskau-Korrespondent der ARD), Irina Scherbakowa (MEMORIAL), Margareta Mommsen (Politikwissenschaftlerin) und Rupert Neudeck (Gründer der Hilfsorganisation CAP ANAMUR und des internationalen Friedenskorps GRÜNHELME) untersuchen Ursachen und Folgen des politischen Mordes. Der russische Filmemacher und Dramatiker Andrei Nekrasov warnt vor dem Gespenst des Nationalismus, das in Russland umgeht. Natalia Liublina porträtiert Anna Politkowskaja mit den Augen einer Russin, und der Journalist Harald Loch beschreibt ihre journalistischen Arbeiten und Buchveröffentlichungen.

    Zum Herausgeber:

    Norbert Schreiber ist Journalist und im Programmbereich Kultur, Bildung, Wissenschaft des Hessischen Rundfunks tätig. Er initiierte die Organisation Leben nach Tschernobyl e.V., der er bis heute als Mitglied angehört und die Projektträger des Kinderheims für Tschernobyl-Kinder in Belarus, Nadeshda, ist. Für dieses Projekt erhielt er den Robert-Bosch-Preis für ehrenamtliches Engagement in Osteuropa. Buchveröffentlichungen u.a. Verstrahlt Vergiftet Vergessen. Die Opfer von Tschernobyl nach zehn Jahren (Insel Verlag).

    Sie kämpfte mit friedlichen Mitteln. Mit Worten. Und schrieb gegen Terror, Krieg, Korruption.

    Anna Politkowskaja wollte Frieden für Tschetschenien. Und starb durch Gewalt.

    „Viele Menschen in meinem Land bezahlen mit dem Leben, weil sie laut sagen, was sie denken.“

    Anna Politkowskaja

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