Der Blog

Herzlich Willkommen im Blog der Deutschen Oper Berlin! An dieser Stelle laden wir Sie ein, mit uns gemeinsam über aktuelle Premieren und Repertoirevorstellungen ins Gespräch zu kommen. Wir nehmen Sie mit auf die Reise in die belebte Vergangenheit des Hauses, erzählen Geschichten seiner Protagonisten, geben tiefere Einblicke in die vielfältige Jugendarbeit und stellen ihnen wunderbare Künstler/Innen vor. Wir freuen uns auf Sie und ihre Kommentare!

11.09.2013

Verinnerlichung und Disziplin

William Spaulding im Gespräch mit Ulrich Amling.

Herr Spaulding, wir treffen uns am Tag nach einem Riesenerfolg für den Chor der Deutschen Oper Berlin in London zu diesem Interview. Nach der konzertanten TANNHÄUSER-Aufführung bei den Proms in der Royal Albert Hall erhielt Ihr Chor den größten Applaus. Wie wichtig ist so ein Erfolg für die Sängerinnen und Sänger?

Das ist ganz enorm wichtig. Ich muss aber präzise sein: Streng genommen ist es die Konzertvereinigung des Chores der Deutschen Oper Berlin, die hier bei den Proms auftritt. Im Prinzip sind wir aber mehr oder weniger personengleich. Der Chor hat sich sehr darauf und darüber gefreut, die wunderbare Atmosphäre im Saal hat ihn zusätzlich angefeuert. Das schafft auch Zusammenhalt.

Zu beeindruckendem Zusammenhalt haben Sie Ihren Chor rasch geführt: Dreimal wurde der Chor der Deutschen Oper unter Ihrer Leitung bereits Opernchor des Jahres, 2012 kam der Europäische Chorpreis hinzu. Wie verschmilzt so ein großer Chor zu einer Einheit?

Das ist genau die Frage, die ich mir jeden Tag stelle. Ich denke, es kommt auf zwei Dinge an: Homogenität und Differenzierung. Wenn man es schafft, diese beiden Aspekte zur Geltungen kommen zu lassen, dann hat man eine befriedigende Choraufführung. Leicht ist das nicht. Der Chor besteht ja aus ausgebildeten Opernsängern, und viele gehen ihren solistischen Tätigkeiten auch weiter nach. Man verlangt von ihnen psychologisch das Gegenteil: dass sie sich einfügen, dass der Klang der eigenen Stimme sich optimal ins Gesamtbild einpasst. Es ist eine große Herausforderung, diese gegensätzlichen Tendenzen miteinander zu versöhnen. Die Sänger müssen wahnsinnig viel können, und dann soll es beim Pilgerchor ganz leise klingen. So haben sie aber nicht singen gelernt. Differenzierung bedeutet: Im Gegensatz zum Orchester, das alle Angaben zu Dynamik und Phrasierung in der Partitur findet, singt der Chor auswendig. Er muss die Musik vollkommen verinnerlicht haben, ohne in diesem Moment daran denken zu müssen.

Sie sind seit letzter Spielzeit nicht nur Erster Chordirektor, sondern auch Kapellmeister der Deutschen Oper Berlin. Das sind Aufgaben, die man heute eigentlich säuberlich voneinander trennt. Warum?

Es sind eigentlich zwei verschiedene Paar Schuhe, zumindest sehen das die meisten Menschen so. Ich bin gelernter Kapellmeister und habe Opern dirigiert. Als ich zum Chor gekommen bin, habe ich mich vom ersten Tag an gefragt: Ist es nicht möglich, mit dem technischen Können, das für ein Orchester unerlässlich ist, auch den Chor zu dirigieren? Umgekehrt habe ich mich dann beim Orchester gefragt: Warum kann dieses Klangempfinden, das Lyrische, Fließende, das so typisch ist beim Chor, nicht auch beim Orchester Früchte tragen? Ich habe die Erfahrung machen können, dass das Eine das Andere bereichert. Und ich freue mich sehr, gelegentlich zu dirigieren und komme mit dem Orchester gut aus. Besonders bei den großen Chorstücken macht es viel Spaß, weil der Chor es ganz gerne sieht, wenn dann der eigene Chef am Pult steht: bei Verdis REQUIEM, CARMEN oder CARMINA BURANA.

Gerade studieren sie die Chöre für NABUCCO ein und werden in der Premierenserie auch Dirigate übernehmen. Welche Herausforderungen erwarten da den Chor?

Natürlich muss man den unglaublich hohen Erwartungen gerecht werden, die durch die Berühmtheit des Gefangenenchors bestehen. Aber man muss auch Liebe und Hingabe für alle anderen Passagen aufbringen, die Gelegenheiten zu differenziertem Vortrag bieten – obwohl alle auf den einen Chor warten. Es gibt Glanzstellen, mit denen man relativ leicht einen guten Effekt machen kann, und andere, die nicht schwer klingen, es aber sind. Manchmal ist das höchste Lob, dass man diese Schwierigkeit nicht gemerkt hat und auf der Bühne alles ganz leicht und passend klang. Wie sagte Michelangelo: Der Stein war schon David, ich habe nur das weggenommen, was nicht David ist. Darin besteht die Arbeit.

Welche dramaturgische Rolle spielt der Chor bei Verdi?

Das ist bei NABUCCO etwas Besonderes. Man weiß, dass der Chor nach NABUCCO gleichzusetzen war mit dem italienischen Volk, und dass dies den Ruhm des Werks begründet hat. Viva Verdi! Ein Geniestreich. Ich kann nicht wirklich beantworten, ob Verdi diese Wirkung vorausgesehen hat. Es gibt da den Begriff des schöpferischen Winkels: Er beschreibt den Unterschied zwischen den bewussten Intentionen des Komponisten und der Wirkung, die das Werk dann auf das Publikum hat. In der Oper hat der Chor die Funktion, eine Verbindung zum Publikum zu schaffen, auf dass der Einzelne Sicherheit gewinnt über seine Empfindungen. Der Chor kommentiert das Geschehen und sorgt dafür, dass es das Publikum auch emotional aufnehmen kann.

Bei einer Oper wie NABUCCO ist der Chor auch oft auf der Bühne präsent. Wie werden Sie in das Regiekonzept eingebunden?

Das wird in den Proben ausgearbeitet. Wir treffen uns und diskutieren schon im Voraus, was passieren soll. Dabei spielt natürlich eine Rolle, wie der Chor positioniert ist, sich sehen und hören kann. Es gibt immer Momente, wo man denkt, dass Bewegung und Singen einfach nicht zusammenfinden. Dann muss man es immer wiederholen – und dann klappt es meistens. Bei Rienzi zum Beispiel wusste Philipp Stölzl ganz genau, was er wollte. Er konnte aber auch gut zuhören. So kann man aufeinander zugehen. Es ist wie bei ARIADNE AUF NAXOS, man fragt sich: Wie soll das nur jemals zusammengehen, das lustige Spiel und die opera seria. Letztendlich muss man es ausprobieren.

Wagner und Verdi werden selbst zu ihrem 200. Geburtstag noch oft als Antipoden gesehen. Was bedeutet das für den Chor?

Antipoden, das ist wie bei Bruckner und Brahms: Man konnte früher nicht für beide sein. Heute aber schon. Für mich steht außer Frage, dass Verdi Wagner sehr geschätzt hat – und umgekehrt. Wir bemühen uns bei unserer Auseinandersetzung um Stilechtheit. Ich bin der Meinung, dass das Geheimnis der musikalischen Interpretation in der Erkenntnis des Stils liegt. Es ist meine Aufgabe, diesen Stil mit größtmöglicher Intensität hörbar werden zu lassen. Bei Verdi und Wagner haben wir zwei unterschiedliche Stile und zwei verschiedene Sprachen. Die Sprache hängt eng mit der Chorarbeit zusammen. [singt] „Wach auf! Es nahet gen den Tag“ – da muss die Verbundenheit mit der Sprache in die Musik einfließen. Die italienische Gesangskultur gilt als das Nonplusultra. Viele Sänger haben in Italien studiert, zum Beispiel unsere koreanischen Kollegen. Die Mischung ist es, die einen guten Chorklang ausmacht.

Es hält sich hartnäckig das Gerücht, Wagner könne nicht für Stimmen komponieren …

Da gibt es auch andere Meinungen. George Bernard Shaw hat das Gegenteil behauptet: Verdi habe die Stimmen kaputt gemacht, Wagner wisse für sie zu schreiben. Was uns betrifft: Wagner war Chordirektor in Würzburg. Er wusste, was dem Chor Spaß macht, das merkt man in jedem Chorsatz, den er in seinen Opern geschrieben hat. Natürlich liest man keine Prügelfuge vom Blatt oder den Schwanenchor im LOHENGRIN. Das muss man üben auf Biegen und Brechen. Aber es macht Spaß, weil Wagner verstanden hat, dass der Chor gefordert werden möchte. Bei Verdi gibt es nicht so viele komplizierte Stücke, dafür steht der Belcanto im Vordergrund. Doch was ist Belcanto? Ist es Verdi, Donizetti, Bellini oder Rossini? Als ich einmal mit Riccardo Muti in Barcelona zusammengearbeitet habe, ging mir auf, was Belcanto eigentlich bedeutet: Es ist die Suche nach einem Klangideal.

Sie haben Ihren Vertrag an der Deutschen Oper bis 2017 verlängert. Auf was freuen Sie sich in den kommenden Jahren?

Auf alles! Angefangen von den ersten Proben im Chorsaal. Im Moment des Tönefindens passiert die Musik. Das ist für mich keine bloß mechanische Arbeit. Wir achten von Anfang an darauf, alles auswendig zu lernen – „by heart“, wie es auf Englisch heißt. Mich fasziniert dieser Prozess, wenn aus Tönen Musik wird.

Nach dem umjubelten London-Gastspiel: Wohin wollen Sie mit dem Chor noch gerne gehen?

Ich wüsste keinen Rahmen, in dem wir nicht auftreten könnten. Natürlich haben wir zuallererst unser Haus und sind unserem Publikum und Berlin verpflichtet. Wenn aber Zeit ist, chorlose Opern auf dem Spielplan stehen, gehen wir gerne nach Washington, Shanghai, Paris. Warum nicht?

Chefdirigenten und ihre Chordirektoren gehen manchmal eine ganz besondere Verbindung ein, wie etwa Simon Rattle und Simon Halsey seit ihrer gemeinsamen Zeit in Birmingham. Wie ist das zwischen Donald Runnicles und Ihnen?

Wir sind tief verwachsen in den musikalischen Intentionen und der künstlerischen Kommunikation, wir teilen eine verwandte musikalische Empfindungswelt. Vielleicht spielt dabei auch eine Rolle: Wir stammen beide nicht aus Deutschland, haben aber viel hier gearbeitet. Wir sind beide Kantorensöhne, kommen aus der gleichen religiösen Ecke, der Anglican-Church. Ohne viel zu reden wissen wir: Was ist wichtig, was müssen wir unbedingt bis morgen schaffen. Das hat viel mit Vertrauen zu tun. Und: Runnicles weiß, dass ein Chordirektor stark sein muss.

 

William Spaulding, in Washington DC geboren, lebt seit über 20 Jahren in Europa. Nach seinem Studium in Wien arbeitete er als Freier Pianist, Lehrbeauftragter und Korrepetitor für das Opernstudio der Wiener Staatsoper. Erste Engagements hatte er in Annaberg und Chemnitz. Seit August 2007 ist er Erster Chordirektor der Deutschen Oper Berlin, eine Funktion, die er zuvor von 1999 bis 2004 am Gran Teatre del Liceu in Barcelona inne hatte. Im Frühjahr 2005 gastierte er in gleicher Funktion am Teatro Lirico di Cagliari [Italien].

Seit September 2005 war er Chordirektor am Nationaltheater Mannheim. Er hat auch als Orchesterdirigent gewirkt, u. a. an der Wiener Volksoper. In Mannheim dirigierte er Verdis Mess a da Requiem und CARMINA BURANA. Sein Opernrepertoire umfasst Werke wie MADAMA BUTTERFLY, DON GIOVANNI, RIGOLETTO sowie zahlreiche Operetten. Unter seiner Ägide wurde der Chor der Deutschen Oper Berlin 2008, 2009 und 2010 bei der Kritikerumfrage der Fachzeitschrift „Opernwelt“ als „Chor des Jahres“ ausgezeichnet.

 

Foto © F. Wenzel

Hinterlasse eine Antwort