Der Blog

Herzlich Willkommen im Blog der Deutschen Oper Berlin! An dieser Stelle laden wir Sie ein, mit uns gemeinsam über aktuelle Premieren und Repertoirevorstellungen ins Gespräch zu kommen. Wir nehmen Sie mit auf die Reise in die belebte Vergangenheit des Hauses, erzählen Geschichten seiner Protagonisten, geben tiefere Einblicke in die vielfältige Jugendarbeit und stellen ihnen wunderbare Künstler/Innen vor. Wir freuen uns auf Sie und ihre Kommentare!

17.09.2013

Das wilde Tier im Manne

Die magische Welt des Jakop Ahlbom

Hoffmann legt an, zielt und trifft. Die weiße Rose segelt zu Boden. Als Preis für diesen gelungenen Schuss fällt sogleich ein rosa Riesenplüschbär vom Himmel, der den bedauernswerten Schießbudenbesitzer unter sich begräbt. Aber das korpulente Kuscheltier ist ohnehin nicht nach des Dichters Geschmack. Eher schon die Schaufensterpuppe im sexy Sommerkleid, die E.T.A. Hoffmanns Libidinös aufgeheizte Männer-Entourage ihm stattdessen bierselig auf dem Rummel unterzuschieben versucht. Wie wär’s mal mit einer Gefügigen? Stopp!

Jakop Ahlbom unterbricht die Szene. Der junge Regisseur kommt in Jeans, Turnschuhen und gestreiftem Pulli auf die Bühne, holt sein Ensemble zusammen, gestikuliert und gibt ein paar knappe Anweisungen auf Englisch, Deutsch und Niederländisch. Die Atmosphäre auf der Probe: konzentriert, aber entspannt. Ein detailgenauer Bilderschöpfer ist hier am Werk, der mit ruhiger Hand an der Auflösung unserer Sehgewissheiten feilt. In dessen Inszenierungen sich jederzeit Falltüren und andere Abgründe auftun können und nichts so ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Jetzt also: Durchladen und alles auf Anfang.

Ahlbom, geboren 1971 in Schweden, beheimatet in Amsterdam, ist ein polyglotter Wunderknabe mit eigener Compagnie in Holland. Spätestens seit seinem Gastspiel mit dem Stück „Innenschau“ bei den Salzburger Festspielen 2010 gilt er auch im deutschsprachigen Raum mindestens als Geheimtipp. Sein Theater ist dabei schwer zu beschreiben. Als die Kritiken zu seinen ersten Arbeiten erschienen, fiel in hoher Frequenz das Wort „surreal“. Ahlbom lächelt nur. „Ich habe selbst nie nach Begriffen für meine Kunst gesucht“. Aber es stimme schon: „Ich mag den Zustand zwischen Traum und Wachen. Das Unbewusste, Unerklärliche, Uneindeutige“.

Jetzt inszeniert dieser Grenzgänger zwischen den Welten und Genres in Berlin seine erste Oper: HOFFMANN. Eine musikalische Phantasmagorie frei nach Jacques Offenbachs LES CONTES D’HOFFMANN. Schon das Original ist ein Spiel mit verschiedenen Ebenen der Fiktion. Es lässt den Schauerromantiker als Erzähler seiner eigenen Geschichten auftreten, verwebt Motive aus „Der Sandmann“ oder „Abenteuer in der Silvesternacht“ zu einer Fabel über die Wirkmacht der Literatur und das Scheitern der Liebe, verkörpert in verschiedenen Objekten der Begierde. Zusammen mit Komponistin Anne Champert hat Ahlbom Offenbachs Werk gekürzt, verdichtet und ihm einen neuen Dreh verpasst: „Bei uns tritt Hoffmann nicht als Erzähler auf“, so der Regisseur, „er durchlebt all diese Geschichten selbst“.

Der Bühnen-Hoffmann ist am Vorabend seiner Hochzeit zu erleben, auf Pirsch mit der Junggesellenclique. „Es geht um das wilde Tier im Manne“, lächelt der Theatermacher, „um Verführbarkeit und die Frage: was ist gut, was ist böse?“ Die habe sich wohl auch dem realen Ernst Theodor Amadeus gestellt, der sich als Gesangslehrer fortwährend in junge Mädchen verliebte, wobei diese Sehnsüchte unerwidert und unerfüllt blieben. Weswegen Hoffmann Flucht in die literarische Fantasie genommen habe, „um seine Gefühle zu kanalisieren“, so Ahlbom. Der Wahlniederländer hat sich für diese Produktion Verstärkung durch vier seiner Stamm-Performer aus Amsterdam geholt: „Tanz scheint mir ein geeignetes Mittel, um die Geschichte auch auf einer physischen und visuellen Ebene zu erzählen“. Wobei auch das Sängerensemble bei ihm entgegen sonstiger Opernkonvention sportiv herausgefordert ist. Eine kollektive Krebsgang- Choreografie gibt davon auf der Probe erste Eindrücke. Ahlbom preist die Experimentierfreude und Entgrenzungsbereitschaft seiner Sänger: „Sie sind willens, sich auf meine Arbeitsweise wirklich einzulassen“. Was bedeutet, Szenen nicht im intellektuellen Analysefuror zu zerpflücken, sondern vielmehr deutungsoffene, poetisch berührende Tableaux zu schaffen. „Ich ziele über das Herz auf den Kopf“, beschreibt Alhbom. Wobei ihm Offenbachs ohnehin fragmentarische, wild fabulierende Vorlage in die Hände spielt. „Mozart hat dagegen ja well-made plays komponiert“.

Ahlbom hat von der Deutschen Oper Berlin Carte blanche für die Umsetzung seiner Vorstellungen bekommen. Keine Selbstverständlichkeit, aber das überbordende Mysterientheater des Schweden lässt sich freilich auch nicht in vorgegebene Strukturen pressen.

In kaum einem Text über den Regisseur fehlt der Verweis auf sein großes Vorbild David Lynch. Klar, die Filme des amerikanischen Albtraumbeschwörers sind ein wichtiger Inspirationsquell für Ahlboms Arbeit. Allerdings ist bei dem Theatermacher das Faible für die Nachtseiten der Welt weniger ausgeprägt: „Ich will nicht nur düster und provokant sein“, betont Alhbom. „Ich streife diese finsteren Bereiche zwar, möchte aber niemanden verschrecken“. Bei ihm überwiegt vielmehr ein Humor, der aus dem Surrealen und Absurden erwächst. Kein spöttischer, eher ein melancholisch grundierter. So wie Ahlbom ihn bei Buster Keaton bewundert. Vor dem legendären Stummfilmkomiker hat er sich in der Produktion „Lebensraum“ verbeugt. Ein groteskes Kammerspiel, das von zwei zwillingsgleichen Männern erzählt, die sich eine mechanische Haushälterin basteln. Ahlbom tritt darin nicht nur selbst als Performer auf, sondern hat auch am Bühnenbild mitgewirkt: ein multifunktionaler Zauberkasten mit Lampenhimmel, in dem das Bett gleichzeitig Klavier und das Bücherregal auch Kühlschrank ist. Da blüht die Phantasie eines Künstlers, der auch das Magierhandwerk beherrscht, wenngleich Ahbom betont, kein professioneller Zauberer zu sein: „Aber es reizt mich zu verstehen, wie Tricks funktionieren“. Man muss bei ihm entsprechend auf jede Überraschung gefasst sein. In seiner Produktion „Innenschau“ treten schon mal aus einem Kleiderkasten im Schlafzimmer sieben zähneputzende Herren. Oder die Bettdecke verwandelt sich in eine aufblasbare Sexpuppe, in die ein Mann hineinkriecht. Heraus kommt eine Frau. Triebe und Wünsche und Phantasien führen nun mal ihr schwer kontrollierbares Eigenleben. Wobei Ahlbom Missverständnissen vorbeugt: „Ich zelebriere nicht das Beliebige, in der Hoffnung, dass die Zuschauer sich schon ihren Reim darauf machen“. Bloß erkläre er eben nur soviel, wie für das Verständnis des Geschehens unbedingt nötig sei. Beipackzettel braucht es nicht.

Viel gesprochen wird in Ahlboms Produktionen dabei nur in Ausnahmefällen. Vielmehr übernimmt die Musik oft eine wichtige Stimme, in mehreren Inszenierungen live von der Zweimann-Band „Alamo Race Track“ gespielt. Im Grunde erscheint es zwangsläufig, dass der Regisseur irgendwann in der Oper ankommen musste. „Sie ist die ultimative Verbindung meiner Vorlieben“, bestätigt er. „Wie ein großes Gemälde, vor dem man voll Entdeckungslust steht“. Dabei hatte er früher durchaus seine Vorbehalte gegen den vermeintlich elitären Hochkulturbetrieb. Die üblichen: Jetzt sitzt er auf dem Platz vor dem Restaurant der Deutschen Oper und beschreibt sein Erweckungsgefühl: „Es ist wie beim Kaffee. Der erste Schluck schmeckt bitter, aber plötzlich genießt du ihn. Und willst mehr davon“.

Ursprünglich wollte der Mann Maler werden. Schon in jungen Jahren offenbarte sich bei ihm ein großes zeichnerisches Talent, das Lernen in der Schule fiel ihm dagegen schwer. Ahlbom hat Dyslexie, eine Leseschwäche, die seinerzeit nicht erkannt wurde. Es hieß nur, er sei faul, unbegabt. Vielleicht ein Glück. Der Junge kompensierte die vermeintlichen Defizite durch ein geschärftes Bewusstsein für alles Visuelle. Er besuchte eine Kunstschule in Stockholm, sah sich eine Unmenge von Filmen an, ging später nach Amsterdam, um Schauspieler zu werden. Alles Prägungen, von denen sein Theater heute noch zehrt. Wenngleich es immer wieder seine Form verändert. Kaum erstaunlich, dass zu Ahlboms Idolen auch Stanley Kubrick zählt. „Man erkennt Kubricks Stil sofort“, findet der Künstler, „aber er hat sich fortwährend in neuen Genres probiert: vom Kriegsfilm über den Horror bis zur Komödie“. Eine Offenheit, die er sich ebenfalls bewahren will.

Ist es Schauspiel? Tanz? Zirkus? Musiktheater? Kuratoren und Intendanten haben oft Einordnungsmühe, wenn sie zum ersten Mal mit Ahlboms Kunst konfrontiert sind. Und dementsprechend Vorbehalte, ob die Produktionen ihr Publikum finden. Was das betrifft, sollten die bisherigen Erfahrungen allerdings alle Zweifel zerstreuen. Ein Stück wie „Lebensraum“ tourt noch immer mit Erfolg durch ganz Europa, seine nächste Inszenierung ist darüber hinaus für die USA gebucht. „Die Reaktionen in den einzelnen Ländern fallen erstaunlicherweise kaum unterschiedlich aus“, freut sich Ahlbom. Sprich: sie sind begeistert. So war es auch im vermeintlich konservativen Salzburg, wo seine „Innenschau“ in der Reihe „Young Director’s Project“ präsentiert wurde. Zwar gewann er dort nicht den mit 10.000 Euro und einem noblen Füller prämierten Hauptpreis. Aber dafür wurde der Intendant der Deutschen Oper Berlin Dietmar Schwarz auf ihn aufmerksam. „Und das“, lächelt der Opern-Debütant Ahlbom „ist zehntausend Mal besser als jeder Preis“.

Autor: Patrick Wildermann

Aus: Deutsche Oper Magazin September 2013

Foto © 2013, Thomas Aurin

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