Der Blog

Herzlich Willkommen im Blog der Deutschen Oper Berlin! An dieser Stelle laden wir Sie ein, mit uns gemeinsam über aktuelle Premieren und Repertoirevorstellungen ins Gespräch zu kommen. Wir nehmen Sie mit auf die Reise in die belebte Vergangenheit des Hauses, erzählen Geschichten seiner Protagonisten, geben tiefere Einblicke in die vielfältige Jugendarbeit und stellen ihnen wunderbare Künstler/Innen vor. Wir freuen uns auf Sie und ihre Kommentare!

19.09.2013

Neue Musik kann Spaß machen und populär sein

Curt A. Roesler (CAR) im Gespräch mit Gerhard Scherer (GS) und Jobst Liebrecht (JL)

Am 28. September gibt das Landesjugendensemble Neue Musik, das erst Anfang des Jahres gegründet wurde und sich im Mai erstmals der Öffenltichkeit vorstellte, ein Konzert in der Tischlerei. Wir haben vor den Sommerferien die beiden Leiter des Projekts,  zu dem Vorhaben befragt. Hier das komplette Interview, das in Auszügen bereits in der »Tischlerei-Zeitung« (Beilage der »taz« am 10. September) veröffentlicht wurde.

CAR
Was ist denn heute noch neu an Neuer Musik? Seit 50 Jahren belehrt uns doch jedes „neue“ Werk darüber, dass Geräusch und Dissonanz über der Konsonanz zu stehen haben.

GS
Ich glaube nicht, dass es die Aufgabe Neuer Musik ist und je war, zu belehren. Neue Musik ist ganz einfach eine Ausdrucksform des heutigen Lebens.

JL
Als vor 50 Jahren der Begriff geprägt und als Kampfruf verwendet wurde, gab es vielleicht eine Tendenz zu einer neuen Gelehrsamkeit; ein Bedürfnis, Regeln zu etablieren und das auch gegen die Tradition zu richten. Seit vielen Jahren allerdings richtet sich die Neue Musik nicht mehr gegen die Tradition. Eher knüpft sie an Traditionen an. Es werden viele Bearbeitungen gemacht, besonders von alter Musik, auch von ganz alter Musik. Wie Gerhard Scherer sagt, gibt die Neue Musik das wieder, was heute existiert. Ein Pluralismus von unterschiedlichsten Weltanschauungen und Daseinsformen.

CAR
Das klingt ein wenig nach „Anything goes“

GS
Ja!

JL
Das ist auch ein gewisses Problem in der heutigen Musik. Ein Problem z. B. für das Qualitätsgefühl.

GS
Ich glaube, nein, ich bin ganz sicher, dass das, was wir als schön und harmonisch empfinden, nur geprägt, ausdrücklich gebildet ist und nicht von Natur aus in uns gegeben. Ich bin darauf gestoßen beim Stöbern im ehemaligen Berliner Phonogramm-Archiv, der Abteilung Musikethnologie des Ethnologischen Museums. Ich habe mir Aufnahmen aus vormedialen Zeiten angehört aus verschiedensten Gegenden der Welt. Nur Volksmusik. Und das ist dermaßen verwandt mit extremster Neuer Musik. Diese Aufnahmen aus den 20er- bis 60er-Jahren sind faszinierend modern. Ein Begrüßungslied für Neuankömmlinge in Bosnien, das reibt sich in Sekunden, zwei Frauenstimmen in extremer Lage, Rhythmen kann ich nicht erkennen, eine Melodie nicht nachvollziehen. Oder eine Nasenflöte, aufgenommen in Indonesien in den 30er-Jahren. Es klingt dermaßen dissonant, man kann ungefähr Pentatonik erkennen, aber nur ganz am Rande. Trommeln in Südamerika, Griechenland, Afrika. Gagaku-Orchester in Japan vor 800 Jahren, die man heute noch so hören kann, wie damals, weil alles so genau tradiert ist. Das hat so viel damit zu tun, was wir heute machen.

CAR
Neue Musik, so wie wir sie normalerweise im Konzert hören, ist aber doch eine westliche Erscheinung. Seit den Weltausstellungen im späten 19. Jahrhundert zwar von »exotischen« – vorwiegend fernöstlichen – Kulturen beeinflusst, aber strukturell westlich geprägt. Und von hier aus über die Welt verbreitet. Eine Kolonialisierung?

GS
Nein! Kulturimperialismus findet genau dort statt, wo Neue Musik nicht stattfinden darf. Coca-Cola-Musik ist gerade nicht Neue Musik. Weil Neue Musik so wenig kommerzielle Möglichkeiten bietet, kann man ihr auch kaum Imperialismus vorwerfen. Im Gegenteil, durch die Neue Musik haben wir überhaupt erst gelernt, wie globale Musik aussehen könnte.

Ich erinnere mich an ein Nachtkonzert, das ich vor vielen Jahren gab. Ich hatte mich davor mit einem Punk angefreundet, der mit dem, was ich mache so gar nichts zu tun hatte. Er war Anarchist, Regimekritiker, egal um welches Regime es ging. Ich lud ihn zu dem Konzert ein, er sagte aber, dass er an dem Abend zu einem Punkkonzert gehe. Mitten in dem Konzert tauchte er dann doch auf und kam hinterher zu mir. Er sagte: „Ich glaube es ja nicht, ich komme gerade aus einem Punkkonzert. Ich dachte, das ist die Revolution. Aber das stimmt nicht, das was Du macht ist die Revolution.“ Ein Laie, der keine musikalischen Kenntnisse hatte, erkannte also, was in der Neuen Musik steckt.

CAR
Zurück zur Hauptfrage: Was ist Neue Musik?

JL
Indem wir Neue Musik für Kammerensemble machen, beziehen wir uns auf eine über hundertjährige Tradition. Komponisten wie Strawinsky oder Schönberg haben wesentliche Gedanken oft nicht in Werken für das Orchester als großen Apparat formuliert, sondern in Kammermusikwerken. Das ist auch gesellschaftlich sehr modern, denn wesentliche Innovationen etwa bei Youtube oder in sonstigen neuen Kommunikationswegen werden von kleinen Spezialisten-Teams vorangetrieben. Und so ist es beispielsweise in Schönbergs Kammersinfonie. Er bietet jedem der beteiligten Spezialisten-Musiker die Möglichkeit, sich individuell einzubringen. Deswegen machen wir dieses Angebot für jugendliche Musiker. Es gibt da ja viele, die andere Lebensentwürfe haben, als die Laufbahn in einem großen Orchester. Denken Sie an die vielen, die sich für Alte Musik spezialisieren.

CAR
Auch bei Klassikern findet man Dinge in Kammermusikwerken versteckt, die man in Sinfonien nicht findet. Etwa bei Beethoven.

JL
Ja, Beethoven war eigentlich der Urmeister der heutigen Neuen Musik.

GS
Auch der erste moderne Musiker, in dem Sinne nämlich, dass er vom freien Musikmachen leben musste.

JL
Der aber auch die Probleme so auf den Punkt brachte, dass es für jeden, der sich damit beschäftigt, eine Herausforderung ist.

GS
Neu an Neuer Musik ist für jeden etwas anderes. Es gibt nicht  d i e  Neue Musik. Es kann nicht alles gewesen sein und trotzdem dreht sich die Welt immer gleich. Ich glaube nicht, dass es noch die Aufgabe ist, immer neu zu sein. Das wäre verkrampft. Für die Jugendlichen ist ganz viel neu, neue Spieltechniken etwa. Für die Zuhörer sind vielleicht Effekte neu, Verläufe oder das Fehlen von Verläufen. Und je mehr Neue Musik verschwindet – etwa durch rückläufige Förderzahlen – desto mehr ist ungewohnt.

CAR
Nun ist das Bejammern fehlender Auftrittsmöglichkeiten die eine Sache, die andere Sache aber ist, ein Bedürfnis nach Neuer Musik zu schaffen.

JL
Oh, es ist schon ein Bedürfnis beim Zuhörer da, Neues hören zu wollen. Das Konzert, das wir eben im Konzerthaus hatten, was komplett ausverkauft. Natürlich ist in einem traditionellen Konzert ein neues Werk dann nichts Neues, wenn es genau das erfüllt, was man von ihm erwartet. Es muss schon ein Anspruch da sein, etwas Unerwartetes zu bieten, das den Horizont des Zuhörers erweitert.

CAR
Steht denn das Programm für das Konzert schon fest?

JL
Wir haben wie bei unserem ersten Konzert eine Mischung von bekannten Werken der Neuen Musik und Werken, die wirklich neu sind. Wir verstehen unsere Aufgabe ja auch pädagogisch, wir wollen den Jugendlichen auch zeigen, was es schon gibt auf dem Gebiet. Mit Grisey und Henze haben wir jetzt auch wieder zwei Klassiker der Moderne dabei.

JL
Das Werk von Hans Werner Henze ist 2010 für ein Jugendensemble komponiert worden, für das Landesjugendensemble Nordrhein-Westfalen. Es ist eine traditionelle Form von Neuer Musik. Das haben die Jugendlichen dort auch bemerkt, es war für sie „normal“. Es ist trotzdem Neue Musik, denn Henze hat es immer geschafft, mit den Mitteln der Tradition eine sehr individuelle Ausdrucksform zu finden, die jeden affiziert. Es sind vor allem neue Inhalte, die er verhandelt.

GS
Große Kunst ist es ja dann, wenn man nicht mehr spürt wie es gemacht ist, bzw. wenn es egal ist, wie es gemacht wird. Wenn die Technik zweit- oder noch besser nullrangig wird, dann ist es groß. Wer sich mit tonalen Bezügen sehr gut auskennt, kann auch, wie Bernstein, mit Tonalem noch Neues schaffen. Wer sich mit Zwölftontechnik, mit Instrumentation, was weiß ich, verdammt gut auskennt, kann damit jeweils Großes schaffen. Und unsere Aufgabe ist es, herauszufinden wo es Werke gibt, spielbare Werke, die in der Kulturpolitik, in der Bildungspolitik Relevanz haben können. Es ist wieder eine ganz verrückte Mischung, die wir zusammengestellt haben und ich bin sicher, der Zuhörer wird hinausgehen und das Gefühl haben, belehrt worden zu sein und sich doch unterhalten zu haben.

CAR
Belehrt?

GS
Ja, in dem Sinne: „Ach ich wusste ja gar nicht, dass der oder der eine so tolle Musik geschrieben hat.“ Aber wir sind ja in der Situation, dass wir uns erst noch das Ensemble zusammensuchen müssen. Die Ausschreibungen sind herausgegangen und nun warten wir die Reaktion ab. Aber wir sind sehr zuversichtlich. In der ersten Arbeitsphase hatten wir 38 Musiker, weit mehr als bei vergleichbaren Projekten in anderen Bundesländern. Hier gibt es Jugendliche, die rennen uns die Bude ein, und das hoffen wir jetzt natürlich auch.

JL
Zu der Frage nach dem Neuen fällt mir jetzt noch eine Erfahrung aus der ersten Phase ein. Wir hatten ein Stück von Nono auf dem Programm. Die Jugendlichen konnten alle Noten lesen, Töne und Rhythmen konnten sie genau zuordnen, es war traditionell notiert. Neu war der gespannte Ausdruck über alle Töne hinweg; neu war, dass sie einzelne kleine Teile spielten, dann wieder zuhören mussten, was die anderen machen, dass sie manchmal zusammen eine Linie bilden, dass es eine ungeheuer ausgedünnte Form war. Die Konzentration dafür zu finden, war eine ganz neue Herausforderung für die Jugendlichen.

GS
Töne müssen wieder betroffen machen. Es wäre ja ganz wunderbar, wenn ein Skandal passieren würde, das ist aber unwahrscheinlich. Ich erinnere mich an einen ehemaligen Schüler, den ich später wieder traf und der mir sagte: „Jetzt habe ich verstanden, warum du immer so insistiert hast. Ich war jetzt auf einem Festival mit klassischer Musik und schon im zweiten Konzert dachte, da müsste ich jetzt reinschlagen.“ Und das denke ich bei fast jedem klassischen Konzert: es musste einmal was passieren. Und das machen wir in unserem Konzert.

CAR
Wie können sich die Besucher auf dieses Konzert vorbereiten?

JL
Sie müssen eigentlich nur die Bereitschaft mitbringen, Jugendlichen zuzuhören. Es ist immer eine Herausforderung, sich auf Jugendliche einzulassen, denn sie stellen sich die Fragen, mit denen man sich schon lange beschäftigt hat, immer wieder neu. Sie durchleben die Probleme, die man längst vielleicht als unlösbar beiseitegeschoben hat ganz existenziell. Meiner Meinung nach ist das beim Musizieren genau das Gleiche.

CAR
Worin unterscheidet sich Ihr Konzert denn nun von einem traditionellen Konzert?

GS
Wir wollen nicht zu viel verraten!

JL
Wir haben eine offenere Form. Improvisation spielt eine Rolle. In unserem letzten Konzert hatten wir auch Konferenzen, es wurde also gesprochen.

GS
Es gibt Möglichkeiten, Musik anders kennen zu lernen. Man wird Töne anders kennenlernen, als man es vielleicht gewohnt ist; man wird die Jugendlichen anders kennenlernen. Es lohnt sich auch für den, der meint, schon zu wissen was Neue Musik ist. Er wird überrascht sein.

CAR
Was lernen die Jugendlichen, die an dem Projekt teilnehmen?

GS
Spätestens seit Rudolf Kolisch, dem Geiger, der mit Schönberg eng zusammengearbeitet hat, wissen wir, dass, wer sich mit Neuer Musik beschäftigt, auch die traditionelle Musik besser spielt. Schwerer kann es nicht mehr kommen, salopp gesagt, als das, was man sich dadurch erarbeitet hat. Wenn ich die Kontaktstellen von Bogen und Saite ganz genau erforscht habe, etwa für Lachenmann, dann kann ich auch Mozart anders spielen.

CAR
Wie schaffen wir denn wieder ein Forum für Neue Musik wie es in den 60er-Jahren existierte, wo man sich – zumal in der Oper, wo Liebermann in Hamburg jedes Jahr zwei Uraufführungen brachte – auf ein Abonnementpublikum verlassen konnte? Oder zuerst gefragt: wollen wir das überhaupt, dem Publikum etwas unterjubeln?

JL
Also es ist klar, wir füllen keine großen Säle. Da müsste man ganz andere Formate finden, etwa mit Rockmusikern zusammenarbeiten. Wie das z. B. Phil Glass macht.

GS
Es ist schon möglich, große Säle zu füllen. Beim Requiem von Bernd Alois Zimmermann war das Konzerthaus ausverkauft und es standen noch 1.000 Leute draußen, die Karten kaufen wollten. Und Sabine Meyer hatte ein ausverkauftes Konzert mit Neuer Musik in der Philharmonie. Nein, ich kann nicht finden, dass Neue Musik kein breites Publikum interessiert. Ich habe selbst bei Youtube nachgeforscht. 4‘33“ von John Cage wurde da fast eine Million Mal angeklickt. 350.000 Klicks sind keine Seltenheit bei zeitgenössischen Werken. Gut, Beethovens Neunte hat 15 Millionen Klicks und Michael Jacksons Thriller 150 Millionen. Das sind natürlich noch andere Zahlen, aber offensichtlich ist wenigstens ein Bildungsinteresse vorhanden. Stockhausens Gesang der Jünglinge 400.000; Schönberg auch mit Zwölftonwerken 400.000. So viele Zuhörer hat früher niemand gehabt, nicht einmal über mehrere Generationen hinweg. Ich glaube wirklich, dass Neue Musik Spaß machen kann und populär sein kann, weil die Menschen an Bildung interessiert sind. Kluge Menschen wollen klüger werden: das ist unser Publikum.

Foto: Jobst Liebrecht und Gerhard Scherer im Orchester-Probensaal der Deutschen Oper Berlin (c) Curt A. Roesler

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