Der Blog

Herzlich Willkommen im Blog der Deutschen Oper Berlin! An dieser Stelle laden wir Sie ein, mit uns gemeinsam über aktuelle Premieren und Repertoirevorstellungen ins Gespräch zu kommen. Wir nehmen Sie mit auf die Reise in die belebte Vergangenheit des Hauses, erzählen Geschichten seiner Protagonisten, geben tiefere Einblicke in die vielfältige Jugendarbeit und stellen ihnen wunderbare Künstler/Innen vor. Wir freuen uns auf Sie und ihre Kommentare!

28.09.2013

Leidenschaftlicher Individualist

Ein Porträt des palästinensisch-israelischen Komponisten Samir Odeh-Tamimi von Jörg Königsdorf

Hinterhaus links, zweiter Stock, die letzte Treppenhausreinigung dürfte auch schon eine Weile her sein. Drinnen vergilbte Türen, abgenutzte Dielen und nur ein zersessenes Flohmarktsofa in der Ecke deutet zaghaft an, dass das große Zimmer in Samir Odeh-Tamimis Wohnung hin und wieder auch gesellschaftlichen Zwecken dient. Dafür aber viel Platz. Raum für Keyboards und Partituren, Raum zum Sich-frei-Fühlen, Arbeiten und Denken. So wohnen Künstler, und man wäre nicht überrascht, wenn …nebenan Puccinis BOHEME-Helden Rodolfo, Marcello und Mimi logieren würden. Das Raumklima im Kreuzberger Hinterhof scheint jedenfalls extrem kreativitätsfördernd zu sein: etliche der mittlerweile gut 40 Kompositionen Odeh-Tamimis sind hier entstanden, aber auch die Zeichnungen, die er überall an die Wände gepinnt hat. „Falls ich mal aufhören sollte, Musik zu schreiben, könnte ich noch mehr davon machen,“ sagt er mit einem liebevollen Blick auf die Blätter, deren kraftvolle schwarze Linien aussehen, als seien sie in einem kreativen Wutanfall aufs Papier geschleudert worden. Doch die Gefahr, dass der 43-Jährige das Metier wechselt, dürfte vorderhand gering sein: Es läuft gut für Odeh-Tamimi. Mit Werken wie der 2010 für die Ruhrtriennale geschriebenen Oper LEILA UND MADSCHNUN und der groß dimensionierten Kantate „Hinter der Mauer“ für den RIAS-Kammerchor hat er sich einen Namen in der deutschen Komponistenszene gemacht und reist kreuz und quer durch die Republik, um bei Einstudierungen und Aufführungen seiner Musik mit dabei zu sein. Dass er überhaupt noch hier wohnt, dürfte vor allem daran liegen, dass Komponisten eine Menschengruppe sind, denen in der Regel Unabhängigkeit wichtiger ist als Komfort.

Vielleicht ist der Begriff „Unabhängigkeit“ ohnehin das beste Stichwort, um Samir Odeh-Tamimi näher zu kommen. Denn im Gespräch mit ihm scheint er wie ein roter Faden immer wieder durch die verschiedensten Themen durch: Wie wichtig es ihm ist, seinen eigenen Weg zu gehen und voll und ganz hinter jedem seiner Werke zu stehen – schon als Kind im Musikunterricht, erinnert er sich, habe er nie die vorgeschriebenen Übungen gemacht, sondern improvisiert, und noch immer habe er einen Widerwillen dagegen, das kompositorische Handwerkszeug, das er auf der Musikhochschule gelernt habe, einfach so anzuwenden. Seine Musik, beharrt er, müsse eben ganz und gar aus ihm kommen und seine eigene Sprache sein. Für Samir Odeh-Tamimi sind Unabhängigkeit und Individualismus grundlegende Existenzprinzipien. Umso mehr ärgert es ihn, immer wieder Etiketten umgehängt zu bekommen und irgendwelchen ethnischen oder religiösen Gruppen zugeschlagen zu werden.

So wie gerade neulich, als er zu einer Diskussionsveranstaltung der Humboldt-Uni eingeladen gewesen war und immer wieder klar machen musste, dass er zwar als Palästinenser in Israel geboren wurde, aber dennoch kein Moslem ist. „Immer wieder kommt das: Wie ist das bei euch Moslems? Und immer wieder muss ich antworten, dass man mir diese Frage so nicht stellen kann. Ich jedenfalls bin Atheist – auch wenn ich mich für den Koran interessiere“, erklärt Odeh-Tamimi verärgert. Es liegt nahe, diesen Widerwillen mit der Situation zu erklären, in der Samir Odeh-Tamimi aufwuchs: Mit den ganz alltäglichen Beschränkungen und Ungleichbehandlungen, denen Palästinenser in Israel damals wie heute ausgesetzt sind. Nach wie vor, bekräftigt er, seien Palästinenser in Israel Bürger zweiter Klasse: Seine Nichte zum Beispiel hätte gerade jetzt trotz exzellenter Noten keine Chance gehabt, einen Studienplatz für Medizin zu bekommen. So würden die Besten quasi zum Auswandern gezwungen.

Auch in Deutschland war man mit den Etiketten und Zuschreibungen schnell bei der Hand – ob er nun quasi selbstverständlich zum Moslem gemacht wurde, oder ob die Festivals und Ensembles, die bei ihm Musik in Auftrag geben wollten, sich etwas farbenfroh Orientalisierendes, möglichst unter Einbeziehung arabischen Instrumentariums, wünschten. Inzwischen, erklärt Odeh-Tamimi, kämen solche Anfragen zum Glück nicht mehr. „Einerseits haben die Leute wohl kapiert, dass ich diese Schiene nicht bediene, andererseits sind in den letzten Jahren einige Komponisten aus dem arabischen Raum nachgekommen, die das gern und gut erledigen. Ich sehe mich jedenfalls nicht als arabischen Komponisten – das Land, in dem ich die meiste Zeit meines Lebens verbracht habe, ist inzwischen Deutschland.“

Und im Großen und Ganzen fühlt er sich auch wohl hier – auch wenn ihm das internationale Hipstervolk, das seit einiger Zeit seinen Kreuzköllner Kiez überschwemmt, schon ziemlich auf die Nerven geht. An schönen Sommerabenden könne er nicht mal mehr mit einem Buch auf den Zickenplatz gehen, weil der inzwischen mit alkoholisierten Szenetouristen dauerbelegt sei, schimpft er, und bei Hasir, wo man früher noch morgens um fünf seine Linsensuppe löffeln konnte, sei inzwischen alles nur noch mit englischen oder spanischen Reisegruppen belegt. Aber vielleicht sind solche Beschwerden auch nur ein Anzeichen dafür, wie sehr Odeh-Tamimi mittlerweile Deutschland als sein Land begreift, wie sehr ihm gerade Berlin zur Heimat geworden ist.

„Natürlich bin ich damals wegen politischer Gründe aus Israel fortgegangen, aber sicher auch, um meine Individualität entwickeln und ausleben zu können,“ sagt er. „Und auch wenn es eher ein Zufall war, dass es mich damals nach Deutschland verschlagen hat, so ist dies hier ein Land, in dem man so sein  kann, wie man will und nicht umgebracht wird, wenn man Kritik übt oder einfach nicht ins Schema passt.“

Es ist kein Wunder, dass sich ein leidenschaftlicher Individualist wie Odeh-Tamimi gerade für diejenigen Gestalten aus Kunst und Geschichte begeistert, die für die Verwirklichung ihres Selbst mit allen Konventionen gebrochen haben. Für seinen Opernhelden, den liebeswahnsinnigen Madschnun zum Beispiel, der sich in die Wüste zurückzog, als er seine Leila nicht bekommen konnte. Vor allem aber für den Sufi-Mystiker Mansur Al-Halladsch, der im Bagdad des 9. Jahrhunderts lebte. „Das war ein komplett verrückter Kerl“, erzählt Odeh-Tamimi begeistert, „der hat Gedichte geschrieben, in denen er radikal jede Vorstellung der Menschen von Gott in Frage stellte, und ist mit seiner Schar gezüchteter Affen in Bagdad auf den Markt gegangen und hat dort im Kopfstand den Koran rezitiert.“ Die Gedichte von Al-Halladsch, sagt er, gehören für ihn zum Größten, und wiederholt hat er versucht, sich diesen Dichtungen mit ihren trancehaften Sprachrhythmen in seinen Kompositionen zu nähern. In seinem neuesten Stück für Bariton und Klaviertrio zum Beispiel, oder auch in dem komplexen Chorwerk „Der Garten der Erkenntnis“, das die Auftraggeber, die neuen Vokalsolisten Stuttgart, am 8. September auch im Berliner Radialsystem präsentieren. Vielleicht, sagt Samir Odeh-Tamimi, wird er über diesen Verrückten sogar eine Oper schreiben. Und das dürfte wohl die höchste Anerkennung sein, die man von einem Komponisten erwarten kann.

 

Samir Odeh-Tamimi wurde 1970 in Jaljuliya bei Tel Aviv geboren. Er spielte als Keyboarder und Schlagzeuger in namhaften Ensembles seiner Heimat im Bereich der arabischen Musik. Ab 1992 studierte er in Kiel und Bremen, u. a. Komposition bei Youghi Pagh-Pan. Heute lebt er als freischaffender Komponist in Berlin.

Aus: Tischlerei-Zeitung No. 1

 

 

Fotos: Die Fotografien zum Konzert „Empört euch!“ stammt von Yana Wernicke:

„Das Mikrofon als Machtinstrument: Ob bei einem Popkonzert, einer Demonstration oder einer politische Rede, immer zählt die Stimme hinter dem Verstärker am meisten. Der Sänger, Demonstrant, Redner hat die volle Aufmerksamkeit seiner Zuhörer – er übertönt alles. Wird dadurch nicht sogar ein Popkonzert politisch? Oder eine politische Rede ein Stück weit Popkonzert? Muss ein Demonstrant sein Publikum nicht auf die gleiche Weise begeistern, wie der Musiker die Konzerthalle in Wallung bringen muss?

Die Anwendungen mögen unterschiedlich erscheinen, trotzdem ist das Mikrofon doch immer zumindest eines: ein Stimm- und damit auch Meinungsverstärker, ein Instrument zurBeeinflussung des Zuhörers. Ob nun von Widerstand, Demokratie, Steuererhöhungen oder von Liebeskummer gesprochen wird.“

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