Der Blog

Herzlich Willkommen im Blog der Deutschen Oper Berlin! An dieser Stelle laden wir Sie ein, mit uns gemeinsam über aktuelle Premieren und Repertoirevorstellungen ins Gespräch zu kommen. Wir nehmen Sie mit auf die Reise in die belebte Vergangenheit des Hauses, erzählen Geschichten seiner Protagonisten, geben tiefere Einblicke in die vielfältige Jugendarbeit und stellen ihnen wunderbare Künstler/Innen vor. Wir freuen uns auf Sie und ihre Kommentare!

21.10.2013

COSÌ FAN TUTTE I

Die Versuchsanordnung lautet: Fragile Realitäten treffen aufeinander. Keine der Realitäten ist umfassend und damit so geschaffen, dass sie die anderen Realitäten vereinnahmt, keine ist vorherrschend. Das Experiment untersucht insbesondere, was passiert, wenn auch die Realität der Mozart-Welt zu einer fragilen Realität erklärt wird.

Was passiert, wenn wir der Partitur von Mozart ihren Absolutheitsanspruch nehmen und uns erlauben, sie zu verändern, indem wir Bausteine herausnehmen oder andere dazwischen schieben oder Mozart mit anderer Musik überschreiben? Zum Beispiel, indem gleichzeitig andere Musik erklingt; musikalische Passagen nur von einem bestimmten oder nur von wenigen Instrumenten gespielt werden; wenn Arien abrupt abbrechen oder der Gesang jenseits des Notentextes weiterentwickelt wird. Und was passiert, wenn auch die Handlung fragmentarisiert wird, wenn man sie nur in Ausschnitten verfolgen kann? Wenn die Erzählung nicht mehr den Fokus des Abends darstellt?

Die Prämisse des Abends ist gleichwohl, dass die Partitur der Oper bei der Aufführung bis auf die üblichen Striche und die Unterbrechungen einzelner Nummern vollständig zu hören ist.

Die Annahme dieser performativen Versuchsanordnung ist: Es gibt nur noch die Oberfläche, die lesbar ist. Die Grenze zwischen dem, was Mozart ist und was nicht, verschwimmt. Mozart wird mit Fremdem infiziert und das Fremde mit Mozart.

Das Fremde, das sind zum einen die Sänger-Darsteller mit ihren Biografien, das sind zum anderen die Darsteller in den Rollen uns fremder Existenzen auf der Bühne, das ist drittens die Ebene fremder Musik und schließlich die Außenwelt, die mittels einer Live-Übertragung eine weitere Realitätsebene in dieses polyphone Gewebe einbringt.

Das Experiment zielt auf eine Befragung der Mozart-Realität, indem andere Realitäten zugelassen sind, die neben ihr gleichrangige Präsenz beanspruchen. Zusammengebracht mit Musik und Szene von COSÌ FAN TUTTE, lassen die unterschiedlichen Realitäten ganz unvorhersehbare Ereignisse entstehen, wie Aggregatszustände in einem chemischen Versuch.

Die reale Biographie des iranischen Gesangsstudenten Mahdi, der die Partie des Ferrando singt, bekommt auf der Bühne eine eigene Realität  wie auch die Biographien der anderen Sängerinnen und Sänger, die aus Israel, Slowenien, Ungarn, der Ukraine und Korea stammen.

Untersucht wird, ob eine Mozartarie ihren Ausdruck verändert und eine andere Bedeutung gewinnt als gewohnt, wenn sie von den SängerInnen in Verbindung mit der eigenen biographischen Realität dargeboten wird und nicht im Rahmen des standardisierten Rollenprofils. Es wurde auch der Frage nachgegangen, ob die SängerInnen, die ihre Partien im Kontext des Ready-Mades in der klassischen Rollenverteilung singen und spielen, möglicherweise auch mit neuen, ihnen bisher fremden Gefühlen konfrontiert sind.

Was passiert mit dem Zuschauer, der damit umgehen muss, dass neben der Musik von Mozart andere Musik erklingt? Hört er die Musik Mozarts dadurch neu? Werden die Tradition der Mozart-Rezeption und damit gewohnte Sehweisen durch das reproduzierte Ready-Made der klassischen Opern-Inszenierung im Kontext der anderen Erzählebenen neu hinterfragt?

Durch die Kamerabilder der Live-Schaltung nach draußen, die in das Geschehen hineinprojiziert werden, ist auch die Realität des Alltags des Zuschauers auf der Bühne präsent. Zwischen seiner Welt jenseits der Aufführung und dem Jetzt des Theaterereignisses wird eine Verbindung geschaffen, die Grenze zwischen diesen beiden Realitäten wird virtuell aufgehoben.

Das polyphone Gewebe dieses Musiktheaterereignisses ist durchaus auf Verwirrung angelegt. Es zwingt jeden einzelnen von uns, sich einen Weg durch dieses Dickicht zu bahnen, ähnlich wie es das Gewirr der zahllosen Realitäten, die unseren Alltag bestimmen, von uns verlangt.

Regie: Clara Hinterberger

Ausstattung: Anika Söhnholz

Komposition: Anna Kropfelder

Video, Sound Design: Siavosh Banihashemi

Musikalische Leitung: Moritz Gnann

Orchester der Universität der Künste Berlin

Künstlerische Gesamtleitung: Barbara Beyer

 

Foto: Così fan tutte I © 2013, Alexander Wenzel, Kunstuniversität Graz

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