Der Blog

Herzlich Willkommen im Blog der Deutschen Oper Berlin! An dieser Stelle laden wir Sie ein, mit uns gemeinsam über aktuelle Premieren und Repertoirevorstellungen ins Gespräch zu kommen. Wir nehmen Sie mit auf die Reise in die belebte Vergangenheit des Hauses, erzählen Geschichten seiner Protagonisten, geben tiefere Einblicke in die vielfältige Jugendarbeit und stellen ihnen wunderbare Künstler/Innen vor. Wir freuen uns auf Sie und ihre Kommentare!

14.11.2013

Die Gewitztheit des alten Mannes – Donald Runnicles über „Falstaff“

Im November steht die Deutsche Oper Berlin ganz im Zeichen von Giuseppe Verdi. Höhepunkt der Verdi-Wochen ist die Premiere von Verdis letzter Oper „Falstaff“. Regie führt Christof Loy, am Pult steht Generalmusikdirektor Donald Runnicles, der im Interview mit Dramaturgin Dorothea Hartmann über seine große Liebe zu Verdi und besonders zur „Falstaff“-Partitur spricht.

Diese Saison hat die Deutsche Oper mit der Premiere von „Nabucco“ eröffnet, nun folgt eine Neuproduktion von „Falstaff“. Beide Opern kann man als Eckpunkte von Verdis Schaffen bezeichnen: das erste Meisterwerk und das letzte. Was verbindet diese beiden doch sehr unterschiedlichen Werke? Was trennt sie?
Der junge und mittlere Verdi hat sich enorm engagiert, für Menschenrechte, für politische Angelegenheiten. Wir wissen, wie er bestimmte Stoffe ausgesucht hat auch aufgrund ihrer aktuellen gesellschaftlichen Relevanz. Bestes Beispiel ist „Un ballo in maschera“, wo er die Handlung nach Schweden verlegen musste, weil der Stoff für Italien zu brisant war. Doch politisch engagiertes Musiktheater war nicht das einzige: Sein Frühwerk lebt von tollen, die Massen begeisternden Chören und Melodien. Die Arien gehören zum Belcanto im aufregendsten Stil vokaler Virtuosität. Es singt sich herrlich! „Falstaff“ ist völlig anders: eher unpolitisch und weit von den ausladenden melodischen Bögen entfernt. Was „Nabucco“ und „Falstaff“ verbindet? Beide Opern sind genial und kurzweilig. Man rast mit atemberaubender Energie durch die Geschichte hindurch.

„Falstaff“ wird gerne als „jugendliches Alterswerk“ betitelt. Was ist das für eine Jugendlichkeit? Und wo spürt man das Alter, die Erfahrung, den 80jährigen Komponisten in der Partitur?
Jugendlich ist für mich: Er hatte den Mut zu solch einem witzigen Stoff im hohen Alter. Er schreibt eine Komödie! Er nimmt sich als alter Mensch und „altmodischer Komponist“ selbst ein bisschen auf den Arm. Und die Partitur sprudelt regelrecht. Es klingt, als wäre das Publikum auf die Szene katapultiert worden. Frisch und jugendlich ist auch, wie er mit dem Orchester und dem Text umgeht: Das Stück ist wie ein Destillat. Wo er in „Nabucco“ eine komplette Arie schreibt, genügen in „Falstaff“ einige Takte. Das geht dann so: Etwas klingt für einen Moment wunderschön, fast wie ein musikalischer Gedanke, und, zack – schon wieder unterbrochen. In „Falstaff“ ist alles ein herrliches Verwirrspiel. Verdi unterläuft Erwartungen. Er täuscht vor, er trickst den Zuhörer aus, er überrascht, er überrumpelt mit neuen Ideen. Genial ist, wie das Orchester nicht mehr Begleitfunktion hat. Nein, das Orchester ist in Falstaff eine Hauptfigur! Mit einer eigenen Meinung, mit Kommentaren, mit ironischem Augenzwinkern. Gleichzeitig ist die gesamte Partitur ungeheuer komplex. Das kann nur ein Komponist mit sehr großer Erfahrung schreiben.

Was bedeutet das für Sie als Dirigent? Muss man bei dieser Partitur noch mehr einen kühlen Kopf bewahren als etwa bei „Nabucco“?
In „Nabucco“ gibt man vielleicht mehr von sich selbst als Dirigent. Wenn das Orchester hauptsächlich eine Begleitfunktion hat, muss man sich in diese Begleitung mit Herz und Leidenschaft hineinbegeben. Bei „Falstaff“ braucht man den kühleren Kopf. Es steht schon alles in der Partitur. Es geht nicht so sehr um meine Interpretation, um einen „Runnicles-Falstaff“. Nein, es geht um einen „Verdi-Falstaff“. Wenn man alles erreicht, was in der Partitur steht, war man schon sehr gut. Da braucht man sich eigentlich nicht mehr zu viele Gedanken zu machen um eigene Tempi, um eine eigene Interpretation. „Falstaff“ ist ein Schauspiel mit Musik. Das Publikum müsste denken: Ich war in einem Shakespeare-Schauspiel und dabei wurde gesungen. Formen wie obligatorische Chöre oder Ballettmusiken braucht Verdi hier nicht mehr. Es beginnt und endet in C-Dur, aber was dazwischen alles los ist! Jedes Mal wenn ich in die Partitur schaue, finde ich es ungeheuerlich, wie schnell jede Figur durch die Musik charakterisiert wird.

Wie wird Falstaff charakterisiert?
Bei Verdi ist er auf keinen Fall ein eitler Trottel. Eher ein Don Quixotte. Falstaff war früher vielleicht ein ganz toll aussehender Typ. Und er hat – wie wir alle – Probleme mit dem Älterwerden. Er genießt Essen und Trinken. Er ist vielleicht zu dick oder hat sonst einen Makel. Aber er ist keine Persiflage! Er muss ernst gespielt werden. In der Musik zeigen sich die Eitelkeit und etwas Größenwahnsinn. Und gleichzeitig ist er sehr charmant und witzig. Die Frauen finden ihn tatsächlich auch charismatisch. Wenn er mit Alice und Meg zusammen ist, ist seine Musik wunderschön und ehrlich. Falstaff glaubt wirklich, dass er noch Chancen hat. Er muss für das Publikum trotz aller Merkwürdigkeiten eine Identifikationsfigur sein. Der Zuschauer soll denken: Das kenne ich auch – Eitelkeiten, Träume, Selbstüberschätzung oder Angst vor dem Alter. Ohne eine Persönlichkeit wie Falstaff wäre die Welt ein großes Stück ärmer.

Sie haben sich für diese Produktion ausdrücklich Christof Loy als Regisseur gewünscht, mit dem Sie 2012 für „Jenůfa“ schon sehr erfolgreich zusammengearbeitet haben. Was zeichnet ihre gemeinsame Arbeit aus?
Ich kenne Christof Loy schon sehr lange. Ich habe 1993 seine Inszenierung von „Die Entführung aus dem Serail“ in Freiburg dirigiert. Es war meine dortige Abschiedsproduktion, und wir haben uns aus den Augen verloren, weil ich anschließend lange in den USA war. Für Berlin habe ich mir sehr gewünscht, öfter mit ihm zusammenarbeiten. Christof hat die große Fähigkeit, Geschichten ganz natürlich zu erzählen, nicht verzerrt oder überladen mit Konzepten und Symbolen. Er hat einen tollen Humor. Und er kann super mit Sängern arbeiten. Es geht für mich in der Oper immer um Teamarbeit, und als Partner ist Christof Loy schlechthin ideal.

Von: Dorothea Hartmann

Foto: Donald Runnicles © Simon Pauly

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