Der Blog

Herzlich Willkommen im Blog der Deutschen Oper Berlin! An dieser Stelle laden wir Sie ein, mit uns gemeinsam über aktuelle Premieren und Repertoirevorstellungen ins Gespräch zu kommen. Wir nehmen Sie mit auf die Reise in die belebte Vergangenheit des Hauses, erzählen Geschichten seiner Protagonisten, geben tiefere Einblicke in die vielfältige Jugendarbeit und stellen ihnen wunderbare Künstler/Innen vor. Wir freuen uns auf Sie und ihre Kommentare!

19.10.2012

Parsifal: 1. Januar 1914

Das Deutsche Opernhaus war 1912 in der boomenden Stadt Charlottenburg von wohlhabenden Bürgern gegründet worden. Die »Deutsche Opernhaus Betriebsaktiengesellschaft« erhoffte sich, wenn nicht Gewinne, so doch schwarze Zahlen ab dem 1. Januar 1914. Wieso dieses Datum? An diesem Tag wurden die Werke von Richard Wagner »frei«, weil die Schutzfrist, die damals 30 Jahre über den Tod hinaus galt (heute sind es 70), endete. Man konnte so viel Wagner spielen wie man wollte und brauchte keine Tantiemen an die Erben mehr zu bezahlen. Das Opernhaus war von vornherein als Wagner-Therater gebaut worden, jetzt endlich konnte es losgehen mit dem »Kernrepertoire«. Eine spezielle Situation ergab sich beim PARSIFAL. Hier hatte der Komponist verfügt, dass das Werk ausschließlich im Bayreuther Festspielhaus gespielt werden dürfe.

Die wenigen (in der Regel rein konzertanten) Aufführungen, die bis anhin weltweit stattgefunden hatten, waren alle illegal, weil sie von den Rechteinhabern, den Erben Richard Wagners mit Cosima an der Spitze, nicht genehmigt waren. Jetzt änderte sich das, auch PARSIFAL wurde zum kulturellen Allgemeingut. Cosima versuchte das zwar noch kurzfristig durch die Lancierung eines Gesetzes zu verhindern, was aber vom Reichstag abgelehnt wurde. Sie konnte nur noch an die Theater appellieren, dass der Wunsch Richard Wagners respektiert würde. Doch schon bereiteten sich allenthalben die großen Opernhäuser darauf vor, dieses Werk ihren Zuschauern vorzustellen. Zum frühest möglichen Zeitpunkt, nämlich am 1. Januar 1914, brachte das Deutsche Opernhaus das Werk auf die Bühne, zeitlich allerdings um einige Stunden überrundet vom Teatre Liceu in Barcelona, das gemäß der Gepflogenheit des späten Vorstellungsbeginns in südlichen Ländern diesen einfach etwas hinausschob und das Werk schon in der Neujahrsnacht aufführte.

Die Musikalische Leitung des PARSIFAL lag in den Händen von Eduard Mörike (1877–1922, zur Unterscheidung vom gleichnamigen Dichter, schreibt er sich gelegentlich auch Eduard Möricke). Seit 1906 arbeitete Mörike bei den Bayreuther Festspielen, 1907 studierte er für Richard Strauss dessen SALOME in Paris ein. In Halberstadt und Bad Lauchstädt trat er als Wagner-Dirigent bei Festspielen auf und seit 1912 gehörte er zu den drei Dirigenten, die den musikalischen Stil des Deutschen Opernhauses prägten. Seine erste Premiere war OBERON am 17. Dezember 1912. Eine Schellackplatte von 1919 mit dem LOHENGRIN-Vorspiel, gespielt vom Orchester des Deutschen Opernhauses gibt einen Eindruck von seiner Dirigierkunst, das Klangbeispiel ist bei Youtube zu finden.

Georg Hartmann (1862–1936), der Intendant des Deutschen Opernhauses, inszenierte PARSIFAL höchstselbst. Er war ursprünglich Sänger, dann zunächst Oberregisseur und seit 1909 in Essen Theaterdirektor. Bis 1922 inszenierte er nicht weniger als 22 Opern, jedes Jahr mindestens zwei, darunter viel Wagner, aber auch Ur- und Erstaufführungen.

Bühnenbild und Kostüme entwarf Gustav Wunderwald (geboren 1882), dessen Position der eines Ausstattungsleiters entsprach. Die meisten Bühnenbilder allerdings wurden in dieser Zeit nicht im Haus selbst gebaut, sondern in Spezialwerkstätten. Da, wo es nicht so sehr drauf ankam, vermittelte die »Beschaffungszentrale des Deutschen Bühnenvereins« Dekorationen, die schon anderswo zum Einsatz gekommen waren. Für PARSIFAL aber verstand es sich von selbst, dass hier vollkommen neue Bühnenbilder gebaut werden mussten. Außer als Dekorationsmaler und Bühnenbildner arbeitete Gustav Wunderwald, der 1915 zum Militärdienst eingezogen wurde, auch als Maler. In den zwanziger Jahren wurde er mit seinen Stadtansichten von Berlin, U-Bahnstationen, Brücken etc. berühmt, doch nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten durfte er nicht mehr ausstellen und hielt sich als Plakatmaler für die UFA und andere große Firmen über Wasser. Er starb 1945, bevor er seine Karriere als Maler und Bühnenbildner wieder hätte aufnehmen können.

Melanie Kurt (1880–1941), Kundry, war zum Beginn der zweiten Spielzeit in das Ensemble des Deutschen Opernhauses gekommen und sang als erste Premiere Recha in DIE JÜDIN, sie blieb nur zwei Spielzeiten und sang noch in zwei weiteren Premieren, IPHIGENIE IN AULIS und DIE WALKÜRE. Anschließend hatte sie drei Jahre eine glänzende Karriere an der Metropolitan Opera, bis zum Kriegseintritt der USA 1917, in dessen Folge dort kaum noch Wagner aufgeführt wurde. Sie kam zurück nach Deutschland, wo sie u. a. noch einmal als Brünnhilde (in der GÖTTERDÄMMERUNG) im Deutschen Opernhaus gastierte und vor allem an der Waldoper in Zoppot (heute Sopot, die Waldoper existiert noch als Lesny Opera, ist aber Veranstaltungsort vor allem für Pop und Leichte Klassik) wirkte. Ende der 20er-Jahre zog sie sich von der Bühne zurück und unterrichtete in Berlin. 1933 musste sie die Stadt verlassen und zog zunächst nach Wien, 1938 wieder in die USA. Mit Ausnahme der Gluckschen Klytämnestra sind alle Rollen, die sie in Premieren am Deutschen Opernhaus gesungen hat, in Ausschnitten auf historischen Tonträgern festgehalten. Ob das begleitende Orchester das Orchester des Deutschen Opernhauses ist oder nicht, lässt sich schwer feststellen, auf den Schallplatten selbst steht nur »mit Orchester«.

Auch der dänische Tenor Paul Hansen (1887–1867), Parsifal, begann seine Laufbahn am Deutschen Opernhaus 1913. Er blieb bis 1919 und sang ein breites Repertoire, darunter vor allem Wagner, aber auch Verdi und leichtere Partien bis zur Operette. Auch von ihm gibt es Tondokumente, die aber nicht nur schwerer aufzufinden sind, sondern auch mehr unter der historischen Technik leiden. Besser dokumentiert ist Alexander Kirchner, der die Titelrolle in PARSIFAL später übernahm. Er hat beide Soloszenen auf Schellackplatte aufgenommen. Wir werden jedoch auf ihn zurückkommen, wenn von Puccini die Rede ist.

Von den übrigen Solisten, Robert Blaß (Gurnemanz), Eduard Schüller (Klingsor), Julius Roether (Amfortas) und Ernst Lehmann (Titurel) ist es noch viel schwieriger Tondokumente zu finden.

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