Der Blog

Herzlich Willkommen im Blog der Deutschen Oper Berlin! An dieser Stelle laden wir Sie ein, mit uns gemeinsam über aktuelle Premieren und Repertoirevorstellungen ins Gespräch zu kommen. Wir nehmen Sie mit auf die Reise in die belebte Vergangenheit des Hauses, erzählen Geschichten seiner Protagonisten, geben tiefere Einblicke in die vielfältige Jugendarbeit und stellen ihnen wunderbare Künstler/Innen vor. Wir freuen uns auf Sie und ihre Kommentare!

10.02.2014

„Hectors Verdammnis“

Um mal endlich für Klarheit zu sorgen: „Berliooz“ heißt der Mann. Hinten mit langem O ausgesprochen. Hectors Verdammnis, so könnte man sagen, begann mit seinem Namen.

Sein größtes Verdienst, die Erfindung der Orchester-Klangfarbe, erwarb er selbstständig und parallel zu Richard Wagner. Hat ihm nichts genützt. Der Ruhm, erstmals in der Musikgeschichte derart feine, irisierende Streicherfarben, Spaltklänge und Mischungsverhältnisse komponiert zu haben, wird immer wieder dem Leipziger Gesamtkunstwerker zugeschrieben; der rund zehn Jahre jünger war – und ihn um 14 Jahre überlebte.

Auch wird Berlioz gern als Ein Werk-Komponist taxiert, und zwar durch die im Konzertalltag unverwüstliche „Symphonie fantastique“. Tatsächlich sind „Harold en Italie“ und „Roméo et Juliette“ gleichfalls (dramatische) Symphonien. Von seinen vier Opern gelangen höchstens – wenn sich ein Opernhaus richtig was traut – „Les Troyens“ auf die Bühne. Die Shakespeare- Komödie „Béatrice et Bénédict“ ebenso wie die Künstler-Oper „Benvenuto Cellini“ rosten im Keller vor sich hin. Und glänzen doch, wenn man sich ihrer mal erinnert. „La damnation de Faust“ dagegen, untertitelt „légende dramatique“, ist eigentlich keine echte Oper. Und wurde prompt 1846 in der Opéra Comique zu Paris uraufgeführt.

Trotzdem schön. In Berlioz’ eigener Goethe- Vertextung landet Faust, wo er hingehört, nämlich in der Hölle. Und Gretchen im Himmel. Eine frühere Schauspielmusik („Huit Scènes de Faust“, 1828/29) hatte der Komponist noch an Goethe persönlich geschickt. Der war recht angetan, zeigte die Sache aber seinem Freund Carl Friedrich Zelter von der Sing-Akademie zu Berlin. Der wiederum war engstirnig genug, es ganz furchtbar zu finden.

Um das Paradox der burlesken Verkanntheit von Berlioz komplett zu machen, gibt es wenig erstrangige Komponisten mit einem so kleinen Werkverzeichnis. Berlioz’ Opus-Liste beschränkt sich auf 29 Stücke. Weil der Mann groß dachte. Und sich mit Solo- oder Kammermusik gar nicht erst abgab. Höchstens mit Liedern. Die vokale Ader von Berlioz – der wie Liszt, Gounod und César Franck aus der Schule von Anton Reicha hervorging – fließt nicht nur durch sein eigenes Werk. In Deutschland, wo mehrere seiner wichtigsten Bühnenwerke aus der Taufe gehoben wurden, berief sich immerhin Richard Strauss auf ihn. Vielleicht, um die Wagner-Spuren in seinem eigenen Werk zu verwischen? Nein, denn das sanguinische Flair, das farbsprühende Spiel mit Glanz- und Brillianteffekten hatte er tatsächlich von Berlioz gelernt. Strauss hat auch die bedeutende, sehr detaillierte Instrumentationslehre von Berlioz erstmals in Deutschland herausgegeben und revidiert. Tatsächlich, die süffige Seite des „Rosenkavaliers“, das Draufgängerische eines „Don Juan“ und „Till Eulenspiegel“ sind ohne Berlioz’ klangliche Spritzkünste nicht vorstellbar.

An der Deutschen Oper Berlin sympathisiert man schon lange mit Berlioz; und das, obwohl Konkurrent Wagner ihn angeblich „grenzenlos langweilig“ fand. 1983 inszenierte Götz Friedrich – unter dem Eindruck, dass es sich nicht eigentlich um eine Oper, sondern um eine szenische Legende handelt – „Fausts Verdammnis“ auf der großen Bühne. Mit José van Dam als Méphistophélès und Kenneth Riegel als Faust (es kursiert ein „Handtaschen-Mitschnitt” auf CD). Berlioz erschien deutscher Ernsthaftigkeit oft zu flitterhaft. Wie so oft bei französischer Musik kann man sich eines gewissen Talmi- Eindrucks nicht erwehren. Also des Verdachts, es handele sich um Modeschmuck. Sieht man die Sache indes etwas französischer an, so zeigt sich Berlioz’ Faible für Äußerliches als Vorzug. Er war die Geburt der Mode aus dem Geist der Musik. Und hat den Gedanken opernfähig gemacht, dass selbst die Tiefe eine Außenseite besitzt, die glänzen, prunken und gefallen darf.

Text: Kai Luehrs-Kaiser aus der Beilage zur Berliner Morgenpost, Februar 2014

Foto: Béatrice Uria-Monzon als Didon in DIE TROJANER © 2010, Matthias Horn

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