Der Blog

Herzlich Willkommen im Blog der Deutschen Oper Berlin! An dieser Stelle laden wir Sie ein, mit uns gemeinsam über aktuelle Premieren und Repertoirevorstellungen ins Gespräch zu kommen. Wir nehmen Sie mit auf die Reise in die belebte Vergangenheit des Hauses, erzählen Geschichten seiner Protagonisten, geben tiefere Einblicke in die vielfältige Jugendarbeit und stellen ihnen wunderbare Künstler/Innen vor. Wir freuen uns auf Sie und ihre Kommentare!

03.03.2014

Spiel mit der Unsterblichkeit

Die Band The bianca Story probt mit Jugendlichen „Gilgamesh Must Die!“

Befreit Euch von Euren Texten!“ ruft Elia Rediger und schlägt einen Beat mit den zwei Drumsticks in seinen Händen. Beschwörend reißt er die Augen auf, zwinkert seinen 14 Schützlingen zu, und wie in Trance lassen diese ihre Textblätter zu Boden gleiten. In ihrer Kreisformation stampfen, rappen, und klatschen sie, als gäbe es kein morgen. Dabei ist heute doch erst Tag zwei im Probenprozess zu „Gilgamesh Must Die!“.

Dies ist die zweite Produktion der Schweizer Popformation The bianca Story in der Tischlerei der Deutschen Oper. Schon im vergangenen Jahr hatten The bianca Story mit ihrem Stück „M & The Acid Monks“, einer Adaption von E.T.A Hoffmanns „Die Elixiere des Teufels“, für Furore gesorgt.Auch diesmal darf man sich auf eine anregende Kreuzung von Pop- und Hochkultur freuen. Ausgerechnet die älteste Geschichte der Welt, überliefert auf den berühmten elf Tafeln, hat sich die junge Band ausgesucht, um sie einem noch jüngeren Publikum zu vermitteln. „Wir haben natürlich hohe Ansprüche an uns selbst und machen das hier nicht just for fun!“ sagt Elia Rediger, um noch im gleichen Atemzug vergnügt hinzuzufügen, dass er dabei natürlich trotzdem sehr viel Fun habe.

„Ein Pakt mit dir selbst, und du selbst weißt genau, es geht auch ohne die Welt!“, sprechen die Jugendlichen im Alter von 13 bis 20 rhythmisch und mit großem Enthusiasmus. Chorisches Sprechen, das ist Schauspielschule erstes Jahr, und klappt hier bereits erstaunlich  gut und mit einer kraftvollen Leichtigkeit. Ob es am Thema liegt? Unendlichkeit – kein leichter Stoff, ein Minenfeld voller Möglichkeiten, Gefahren, Fantasiepotenzial, den The bianca Story in Zusammenarbeit mit Regisseur Daniel Pfluger voll ausschöpfen möchten.

Soeben haben die Schweizer ihr Album „Digger“ mit einer spektakulären Crowdfunding-Aktion finanziert, mehr als 90.000 Euro wurden gespendet, die Künstler haben eine riesige Fangemeinde im Rücken.

„Gilgamesh Must Die!“ verstehen sie nun als eine Fortsetzung dieses Albums. „Andere Bands veröffentlichen B-Sides und DVDs“, sagt Rediger. „Dieses Stück ist gewissermaßen unsere DVD – es ist ein fantastischer Stoff, wir haben wunderbare Kinder und Jugendliche, aber nicht zuletzt ist es auch ein Projekt von The bianca Story in dem man wieder neue Facetten von uns entdecken wird.“ Tatsächlich beherrscht die Band, wie kaum eine zweite, die verschiedensten Disziplinen des Pop. Virtuos tanzen die Basler durch den Pop-Kosmos, während andere Bands lediglich Album um Album veröffentlichen.

Es ist das erste Mal, dass die Band so direkt mit Jugendlichen zusammenarbeitet und auch hierfür scheinen sie eine natürliche Begabung zu haben. Wohin man schaut, blickt man in fröhliche und zugleich konzentrierte Gesichter, auch wenn man hier manchmal noch das Gefühl hat, in eine große, produktive Hippie-Kommune zu platzen.

Zwei Freundinnen tanzen Walzer, die Jungs breakdancen, ein blondes, junges Mädchen übt gedankenversunken ihren Part auf den Congas, während Elia Rediger vergnügt auf der Ukulele zupft.

Am nächsten Tag fliegt der Sänger schon wieder für vier Konzerte in die Schweiz, dann wieder zurück nach Berlin, um die Proben an der Deutschen Oper fortzuführen. Mittlerweile hat sich der 28-Jährige sogar eine kleine Wohnung im Berliner Prenzlauer Berg zugelegt. Wo sein Zuhause ist? Er überlegt lange und scheint so recht keine passende Antwort zu finden, aber zu stören scheint ihn das nicht. „Zuhause ist vielleicht da, wo man Steuern zahlt!“, sagt er schließlich grinsend und in solchen Momenten spürt man bei allem Kosmopolitentum seinen Schweizer Ursprung.

Es ist natürlich eine beinahe provokative Ansage: „Gilgamesh Must Die!“ „Damit sagen wir eigentlich, dass die Unsterblichkeit sterben muss“, sagt Rediger. Und das ist in Zeiten, in denen alles über jeden irgendwo in einer iCloud schwebt, höchst aktuell.´Die Band hat in Zusammenarbeit mit Viktor Moser 14 Songs zum Thema geschrieben. Man darf sozusagen die Live-Version eines Konzeptalbums auf höchstem Niveau, mit der tatkräftigen Unterstützung von 15 Jugendlichen, Opernsängerin Christina Sidak und Schauspielerin Natalina Muggli erwarten. Nach der Uraufführung am 17. März in der Tischlerei der Deutschen Oper Berlin geht die Crew sogar auf Gastspielreise in die Schweiz. „Ich werde den Kids unsere Heimat zeigen!“, freut sich Rediger. „Und wer nicht spurt, muss abwaschen!“

Dann setzt sich der Multiinstrumentalist an den schwarzen Flügel, fängt an zu spielen und zu singen. Die Zeit in der jungen „Hippiekommune“ scheint für einen Augenblick stehenzubleiben. Das ist sie wohl, die Unsterblichkeit.

Autorin: Jacqueline Krause-Blouin

Text aus der Beilage zur Berliner Morgenpost, Februar 2014

Foto: Aus den Proben zu GILGAMESG MUST DIE! © The bianca Story

 

 

 

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