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10.03.2014

Ein Gott tritt als Mensch mit zeitlosen Fragen auf

Das Epos des Gilgamesch zählt zu den ältesten Dichtungen. Sie gibt Rätsel auf und ist zugleich aktuell

Die Geschichte des königlichen Helden Gilgamesch ist eines der ältesten Zeugnisse der Weltliteratur. Eine „Erzählung von der Suche des Menschen nach den Grenzen des Lebens“ nennt der Münchner Assyriologe Walter Sallaberger, was in unterschiedlichen Varianten und mehreren historischen Sprachen Mesopotamiens seit dem dritten Jahrtausend vor Christus in Tontafeln geritzt und immer wieder kopiert wurde. Wenige der im Zweistromland freigelegten „Textzeugen“´sind vollständig oder auch nur in gutem Zustand. Was entzifferbar ist, erscheint oft selbst der Fachwelt rätselhaft oder uneindeutig.

Trotzdem fasziniert uns bis heute, dass der zu zwei Dritteln göttliche Gilgamesch als Mensch mit zeitlosen, quälenden Fragen auftritt. Als junger Mann ist er für seine Stadt Uruk zunächst eine Plage und auf der Suche nach Zerstreuung durch Sport und Sex derart zügellos, dass die Einwohner ihre Götter um Hilfe anrufen. Diese formen aus Lehm einen Gegenspieler, das Naturwesen Enkidu, das zunächst glücklich und frei mit den Tieren der Steppe als deren Freund und Beschützer haust. Weil die Fallensteller seinetwegen keine Tiere mehr fangen, lassen sie Enkidu von der Tempeldienerin Schamhat verführen und zivilisieren.

Ein Zusammentreffen mit Gilgamesch endet in einem unentschiedenen Zweikampf, die beiden erfahren sich als gleichwertig: Zum ersten Mal fühlt Gilgamesch eine Bindung an einen Menschen. Nachdem seine göttliche Mutter Ninsun Enkidu adoptiert hat, ziehen sie als „Brüder“ auf Abenteuerfahrt. Der siegreiche Kampf mit dem riesenhaften Zedernwächter Humbaba ist nicht nur die ersehnte Kraftprobe, sondern bringt ihnen auch zivilisatorischen Ruhm: Die erbeuteten Bäume aus dem Libanon werden für Hallenbau und Götteropfer in Uruk sehnlich erwartet. Hochfahrend wie er ist, erzürnt Gilgamesch aber gleich nach der Rückkehr die in Liebe entflammte Stadtgöttin Ischtar durch Zurückweisung.

Im Zorn schickt sie den verheerenden Himmelsstier nach Uruk. Die Freunde besiegen ihn und die ganze Stadt feiert die Tat. Das lassen sich die Götter nicht gefallen: Enkidu muss an einem Fieber sterben und Gilgamesch wird vor Kummer fast wahnsinnig, weint „wie ein Klageweib“ um den Freund. Schließlich verlässt der junge König die Stadt, um das Geheimnis der Unsterblichkeit zu ergründen. Er wandert bis zu den Skorpionmenschen, die das Sonnentor bewachen und kehrt nach langem Weg auf der Sonnenbahn erschöpft bei der göttlichen Schenkwirtin Siduri ein. Sie legt dem Suchenden durchaus sinnenfreudig nah, das Leben nicht zu vernachlässigen und eine Dynastie zu gründen, wenn er unsterblich werden wolle:

„Gilgamesch, wohin eilst du? Das Leben, dem du nachrennst, das wirst du nicht finden! Als die Götter die Menschheit schufen, da haben sie das Leben in ihrer Hand behalten. Du Gilgamesch, gefüllt sei dein Bauch, freue dich Tag und Nacht! Verbreite täglich Fröhlichkeit, Tag und Nacht tanze und spiele! Deine Kleider seien gereinigt, dein Kopf gewaschen, du mit Wasser gebadet! Sieh hin auf den Sohn, der deine Hand hält, die Frau möge sich immer an deinen Lenden erfreuen!“ (so bei Walter Sallaberger: „Das Gilgamesch-Epos. Mythos, Werk und Tradition.“ Beck 2008.) Doch Gilgamesch will den eigenen physischen Tod überwinden.

Nach hindernisreicher Bootsfahrt über das Todeswasser gelangt er zum weisen Utnapischti, der wie Noah eine Arche durch die Sintflut steuerte und von der Götterversammlung daraufhin ewiges Leben erhielt. Aber ohne Götterversammlung keine Unsterblichkeit, lernt Gilgamesch und scheitert schon an Utnapischtis Prüfung, den „kleinen Tod“ Schlaf für eine Woche zu überwinden. Jede Nacht legt Utnapischtis Frau einen Laib Brot vor sein Bett, um die Schmach zu dokumentieren. Nicht einmal das Verjüngungskraut, das er schließlich erlangt, bringt Gilgamesch sicher nach Hause: Eine Schlange frisst es ihm weg.

Gilgamesch bleibt nach dieser erfolglosen, ja peinlichen Quest doch die wertvolle Erkenntnis, dass jeder Mensch sterblich ist und nur in seinen Taten und Nachkommen weiterlebt. Angeblich ließ er nach seiner Rückkehr die erste Stadtmauer errichten und begründete so Uruks Macht und Ansehen. Als historische Figur ist er nur schwer greifbar, Angaben passen nicht zusammen. Die sumerische Königsliste führt ihn als König der ersten Dynastie von Uruk zu Anfang des dritten vorchristlichen Jahrtausends mit der für dortige Verhältnisse kurzen, biologisch aber unwahrscheinlichen Regierungsdauer von 126 Jahren. Der mythologische Gilgamesch wurde nach seinem Ableben jedenfalls zu einem der Herrscher des Totenreichs befördert – auch eine Möglichkeit, Unsterblichkeit zu erlangen.

Autorin: Annette Zerpnern

Text aus der Beilage zur Berliner Morgenpost, März 2014

Foto: Gilgamesch-Tafel der Bibliothek des Assurbanipal (Ninive) im British Museum © Fæ, 2010 / Creative Commons

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