Der Blog

Herzlich Willkommen im Blog der Deutschen Oper Berlin! An dieser Stelle laden wir Sie ein, mit uns gemeinsam über aktuelle Premieren und Repertoirevorstellungen ins Gespräch zu kommen. Wir nehmen Sie mit auf die Reise in die belebte Vergangenheit des Hauses, erzählen Geschichten seiner Protagonisten, geben tiefere Einblicke in die vielfältige Jugendarbeit und stellen ihnen wunderbare Künstler/Innen vor. Wir freuen uns auf Sie und ihre Kommentare!

09.04.2014

Zu Besuch bei Elena Tsallagova

Elena Tsallagova stammt aus Wladikawkas. Sie wollte Tänzerin werden, doch Verdis „Macht des Schicksals“ entfachte die Liebe zur Oper. In Berlin geht die Sopranistin nun die großen Partien an.

„Du musst einfach!“ hat sie ihrem Vater gesagt. „Einmal musst du kommen und mich singen hören.“ Noch nie war der Vater von Elena Tsallagova (33) im Ausland, aber im April werden die Eltern von Nord-Ossetien nach Berlin reisen. Schließlich singt die Sopranistin gerade eine neue Rolle nach der anderen. Micaëla in „Carmen“ neben Roberto Alagna, Gilda in „Rigoletto“, Pamina in der „Zauberflöte“, Blumenmädchen im „Parsifal“ – in diesen Wochen können die Eltern und alle anderen Elena Tsallagova groß in Aktion erleben.

Ohne ihren Vater wäre es vielleicht nie so weit gekommen. Als Sänger am Opernhaus ihrer Heimatstadt Wladikawkas war er ihr Vorbild und Ratgeber, auch wenn er nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion umsattelte und Zahnarzt wurde. Die musikalischen Gene stammen auch von ihrer Mutter, die als Chordirigentin begann und inzwischen im Kulturministerium arbeitet. Elena ist allerdings die erste Musikerin in ihrer Familie, die international Karriere macht.

An der Pariser Oper verdiente sich die grazile Sängerin mit den feinen Gesichtszügen ihre ersten Sporen. Einfach war das nicht: „Die Proben fanden auf Französisch statt, und das war für mich wie Chinesisch. Ich verstand kein einziges Wort.“ Elena Tsallagova lernte viel und wuchs mit ihren Aufgaben. In der Titelrolle von Janáčeks „Schlauem Füchslein“ war sie auch im französischen Fernsehen und auf DVD zu erleben. Die Bayerische Staatsoper engagierte sie 2008 für zwei Jahre. Sie sang Despina, Zerlina, Musetta und teilte die Bühne mit vielen Stars. Auch die Zeit in München war aufregend und anstrengend.

Drei Jahre lang ist sie mit leichtem Gepäck von Ort zu Ort gezogen. In Berlin hofft sie nun, ein wenig zur Ruhe zu kommen. „An der Deutschen Oper fühle ich mich schon ganz zu Hause. Ich bin jetzt einfach entspannter, weil ich vorher schon viele Erfahrungen gesammelt habe“, erklärt sie. Seit September bewohnt sie eine helle möblierte Zweizimmerwohnung in der Nähe vom Savignyplatz. In „Charlottengrad“, wie sie es nennt, kann sie ins russische Café gehen und im russischen Buchladen stöbern.

Unten auf der Straße sind gut gelaunte Flaneure unterwegs. „Hier gibt es viele Restaurants, aber es wird auch abends niemals laut“, freut sich die junge Sängerin. Auch sie selbst möchte die gelassene Stimmung nicht stören. Gesangsübungen macht sie zu Hause nicht, auch ein Klavier oder eine Stereoanlage gibt es nicht in der Wohnung. „Wenn ich das Gefühl habe, dass ich singen muss, schwinge ich mich schnell aufs Fahrrad und bin in fünf Minuten im Opernhaus.“

Als Nannetta in Christof Loys neuem „Falstaff“ hat sie ihr eindrucksvolles Berlin-Debüt gegeben. Die Partie ist in den letzten vier Jahren so etwas wie ihre Paraderolle gewesen. Auch in Paris und München war sie damit gefragt, und in Glyndebourne hat sie ihr sogar das private Glück gebracht. Als Ian Jackson, der Company Manager des Opernhauses, sie im letzten Sommer als Nannetta auf der Bühne sah, war es um ihn geschehen. Nun verbringt er seine Wochenenden in Berlin.

Sie kocht für ihn Borschtsch, er spielt mit ihr Schach, und manchmal gehen sie auch gemeinsam ihre Noten durch. Er hat ihr bei der Festlichen Operngala für die Aids-Stiftung an der Deutschen Oper zugehört. „Hinterher haben wir auf der Party zusammen getanzt“, sagt sie und lächelt. Mit ihrem russischen Pass hat sie es nicht leicht, ihren Freund in England zu besuchen. „Da brauche ich jedes Mal eine Einladung mit Begründung.“

Elena freut sich auf ihre erste Charlottenburger Balkonsaison, in jedem Raum steht ein Tulpenstrauß. Sie liebt die Natur, schließlich ist sie im Kaukasus aufgewachsen. Wladikawkas, die Hauptstadt Nord-Ossetiens, liegt zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer und ist von malerischen hohen Bergen umgeben. Ihr Vater ist ein begeisterter Angler. „Er besitzt 30 verschiedene Angeln“, meint Elena Tsallagova. Sie selbst hat immer gern zugesehen, wenn die Lawinen im Gebirge losbrachen.

„Es ist bei uns so warm, man kann im T-Shirt spazieren gehen und den Schnee anfassen“, erinnert sie sich. „Das Leben dort ist sehr gesund. Mein Urgroßvater ist 112 Jahre alt geworden.“ Jetzt kommt sie nur noch ein- bis zweimal im Jahr nach Hause. Dann backt ihre Mutter drei ossetische Kuchen, gefüllt mit Kartoffeln, Käse oder anderen herzhaften Zutaten. „Bei einer Feier werden bei uns immer drei Kuchen auf den Tisch gestellt. Wenn jemand gestorben ist, sind es nur zwei“, erklärt Elena Tsallagova.

Die christlich-orthodoxen Osseten pflegen ihre eigene Kultur, von den religiösen Chorgesängen bis zum Tanztheater, bei denen Frauen Männerrollen übernehmen. „Bei uns muss auch jede Frau kämpfen können“, sagt die zierliche Sängerin, die man sich nur schwer mit einem Schwert vorstellen kann. Wenn sie einmal heiratet, wird ihr Vater darauf bestehen, dass Männer und Frauen nach traditionellem Muster an getrennten Tischen sitzen.

Im Kaukasus wird besonders viel gesungen. Das liegt vielleicht daran, dass dort im Süden Russlands ein Klima wie in Italien herrscht. In Wladikawkas gibt es ein Opernhaus, eine Philharmonie, viele Theater und Kulturfestivals. Musik und Kultur hat die Sängerin in ihrer Jugend begierig aufgesogen. Die meisten berühmten Söhne und Töchter von Wladikawkas sind Sportler. Doch auch der Dirigent Valery Gergiev stammt aus der Stadt, und er hat viel für das Kulturleben getan. Elena Tsallagova lernte ihren berühmten Landsmann am Mariinski-Theater in St. Petersburg kennen.

Eigentlich wollte sie Tänzerin werden. Noch heute tanzt sie ausgesprochen gern, vor allem Flamenco. Vom fünften bis zum 15. Lebensjahr ging sie zur Ballettschule. Dann verriet ihr jemand, dass Tänzerkarrieren kurz sind und oft schon mit 35 Jahren enden. Das war für Elena ein Schock, und sie begann sich mehr auf ihre schöne Stimme zu konzentrieren.

Fünf Jahre lang sang sie in einer Jazzband, aber nach einem Besuch von Verdis „Macht des Schicksals“ verliebte sie sich voll und ganz in die Oper: „War das dramatisch! Und dieses machtvolle Orchester. So laut wie Leonora wollte ich unbedingt auch auf der Bühne singen.“ Am St Petersburger Konservatorium studierte sie bei Tamara Nowitschenko, die auch Anna Netrebko unterrichtet hat. Sie gewann den Rachmaninow-Gesangswettbewerb und begann am Mariinski-Theater. Alles lief bestens, die junge Sängerin richtete sich auf ein entspanntes Leben in St. Petersburg mit ihrem damaligen Freund ein.

Dann veränderte eine Begegnung ihr Leben. Elena Tsallagova erhielt eine Einladung von Ileana Cotrubaş. Zwei Monate lang durfte sie im Gästehaus der großen Opernsängerin verbringen. Zweimal täglich bekam sie Unterricht, abends wurde geredet, das war eine sehr intensive Zeit. Die Grande Dame stachelte ihren Ehrgeiz an, setzte das zurückhaltende Mädchen auf die richtige Spur. „Sie sagte, ich müsse unbedingt weitergehen, internationale Opernhäuser kennen lernen, große Dirigenten erleben, neugieriger sein und Erfahrungen sammeln“, erinnert sie sich. „Ich hatte es mir in St. Petersburg schon viel zu bequem gemacht.“ Also bewarb sie sich an der Pariser Oper und lernte eine neue Welt kennen.

„Ich staune immer noch, wie gut hier alles funktioniert. Überall brennt das Licht. Wenn in Russland im Hausflur eine Glühbirne fehlt, schraubt man selbst eine in die Fassung. Abends fehlt sie dann allerdings meistens wieder“, erzählt die Sopranistin.

Am Mariinski-Theater weiß man oft einen Tag vor der Vorstellung noch nicht, ob man singt oder nicht. „Da sitzen dann vor einer ‚Eugen Onegin‘-Aufführung vier Tatjanas in Warteposition“, meint Elena Tsallagova. Was sie hier vermisst, ist das russische Repertoire, vor allem Rachmaninow. Sehr gern möchte sie einmal einen russisch-deutschen Liederabend geben.

An Aufgaben mangelt es ihr nicht. Viele neue Opern kommen in den nächsten anderthalb Jahren in Berlin auf sie zu: „Ariadne auf Naxos“, „Der Rosenkavalier“, „Die Schändung der Lucretia“ und „La Rondine“. „Ich liebe es, immer neue Opern und Komponisten für mich zu entdecken“, meint sie. „Ich finde auch zeitgenössische Musik und moderne Inszenierungen wie unseren ‚Rigoletto‘ sehr anregend, schließlich muss sich das Musiktheater immer weiterentwickeln.“

In der Waldbühne wird Elena Tsallagova im Sommer vor Tausenden von Zuschauern die Pamina in der „Zauberflöte“ singen. Das Opernhaus lässt ihr aber auch genügend Raum, in Salzburg, Pesaro oder Luzern zu gastieren. In Madrid wird sie als Cherubino debütieren. Auch die deutsche Sprache möchte sie besser lernen. Jetzt wird aber erst einmal Gilda ihre nächste große Herausforderung, und sie freut sich über ihr neues Repertoire: „Ich habe früher oft Rollen wie den Waldvogel in ‚Siegfried‘ oder den Falken in der ‚Frau ohne Schatten‘ gesungen. Jetzt wird es dramatischer. Ich spiele junge Frauen, die lieben und leiden.“

Text: Martina Helmig aus der Beilage zur Berliner Morgenpost, April 201

Foto: Elena Tsallagova © Allan Richard Tobis

Hinterlasse eine Antwort