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13.05.2014

Wenn eine Liebe bereits im Keim erstickt werden muss

Benjamin Brittens BILLY BUDD feiert im Mai Berliner Erstaufführung. Für Regisseur David Alden zählt diese Oper zu den wichtigsten des 20. Jahrhunderts.

Erfolg macht mutig. Zu Brittens 100. Geburtstag eine Neuproduktion von „Peter Grimes“ zu zeigen, war durchaus gewagt. David Aldens suggestive Inszenierung und Donald Runnicles’ Einsatz am Pult haben das Publikum auf Anhieb gewonnen. Nun bringt dasselbe Team anderthalb Jahre später Benjamin Brittens „Billy Budd“ auf die Bühne. Eine Oper, die in Deutschland noch viel unbekannter ist. Die Premiere am 22. Mai wird tatsächlich die Berliner Erstaufführung.

„Ich verstehe das einfach nicht. Diese Opern feiern Erfolge auf der ganzen Welt. Warum sind sie in Deutschland so selten zu sehen? Deutschland ist doch ein Zentrum moderner Opern“, rätselt der Amerikaner David Alden. Der britische Komponist Britten gilt hierzulande als etwas altmodischer Eklektizist, aber Generalmusikdirektor Runnicles dirigiert leidenschaftlich gegen alle Vorurteile an. Auch der Regisseur schwärmt in erster Linie von der Musik: „Die Oper ist kurz nach ‚Peter Grimes‘ entstanden. Doch in den paar Jahren zwischen den beiden Werken hat sich Britten musikalisch stark weiterentwickelt. Die Musik in ‚Billy Budd‘ geht tiefer, ist interessanter und viel stärker durchkomponiert.“ Für Alden zählt „Billy Budd“ zu den zwanzig wichtigsten Opern des 20. Jahrhunderts.

Auf den ersten Blick fallen Parallelen zwischen den beiden Werken auf. Das gilt vor allem für die maritime Atmosphäre. „Peter Grimes“ gibt einen Einblick in die klaustrophobische Gesellschaft eines Fischerdorfs. In „Billy Budd“ geht es hinaus aufs Meer. Auch die Marinesoldaten auf dem Kriegsschiff „Indomitable“ entwickeln komplizierte neurotische Beziehungen zueinander.

Die Handlung ist schnell erzählt. Der junge Matrose Billy Budd wird von einem Handelsschiff auf ein Kriegsschiff zwangsversetzt. Die Frohnatur lebt sich schnell ein und macht sich beliebt. Schiffskapitän Vere wirft ein Auge auf den hübschen Jungen. Doch der finstere Waffenmeister Claggart versucht Billy zu vernichten. Er spinnt eine Intrige und bezichtigt den Jungen der Meuterei. Billy tötet Claggart im Affekt, und Kapitän Vere verurteilt den Jungen schweren Herzens zum Tod.

„Eine schreckliche Geschichte. Es ist eine von Brittens persönlichsten Opern. Unter der Oberfläche handelt sie von dem Thema, mit dem sich der Komponist sein Leben lang beschäftigte: seine Homosexualität und die Furcht davor“, sagt der Regisseur David Alden. „Versteckt kommt das Motiv Homosexualität in vielen seiner Werke vor, bis er in seiner letzten Oper ,Death in Venice’ fast schon offen damit herauskommt.“ Benjamin Brittens fast lebenslange Beziehung zu dem Tenor Peter Pears war ein offenes Geheimnis. Trotzdem litt der Komponist darunter, zu seiner Zeit war Homosexualität noch strafbar. Als Opernvorlage suchte er sich gern ein Stück Literatur, in dem die Frage der Sexualität unterschwellig angesprochen wurde. Die Oper „Billy Budd“ basiert auf Herman Melvilles gleichnamigem Roman. Sie spielt 1797 während des englisch-französischen Seekriegs.

Die Uraufführung von Brittens Oper, in der es nur Männerstimmen gibt, fand 1951 im Royal Opera House Covent Garden in London statt. Zehn Jahre später entstand die revidierte Fassung, welche die Deutsche Oper Berlin jetzt spielt. Die Premiere wird wie schon bei „Peter Grimes“ eine Koproduktion mit der Londoner English National Opera, wo Alden seit mehr als 20 Jahren arbeitet. Dort feierte die Inszenierung 2012 Premiere. Auch im Bolschoi-Theater war sie schon zu sehen.

Die Oper wirft für einen Regisseur viele Fragen auf. Zum Beispiel: Ist der Titelheld Billy Budd auch wirklich die Hauptfigur? „Auf keinen Fall“, so Alden. Bei seiner Arbeit an der Londoner Produktion suchte er immer wieder nach der dunklen Seite, dem Bruch in der Persönlichkeit von Billy Budd. Ein naives Unschuldslamm ist auf der Bühne nicht so interessant. Am Ende der Proben sah er Billy eher als ein Symbol oder eine Art Christusfigur. Für David Alden ist Kapitän Vere die Hauptfigur, der  intelligente, gebildete Anführer, der in einem furchtbaren Dilemma steckt: Er will seine Liebe zu dem jungen Matrosen im Keim ersticken. Er muss ihn zum Tode verurteilen. Es ist die Rolle, die Britten für seinen Partner Peter Pears geschrieben hat.

Interessant findet David Alden den Aufbau der Oper: „Man weiß bis zum zweiten Akt nicht, worauf es hinausläuft. Erst im letzten Teil der Oper liegt der Fokus mehr und mehr auf Kapitän Vere, seiner Liebe und der Notwendigkeit, sie zu verleugnen.“ In seiner Inszenierung fand er es wichtig, behutsam mit dem Thema Homosexualität umzugehen, nicht zu viel zu offenbaren, die Atmosphäre des Geheimnisses zu bewahren. „Die Oper gibt erschreckende Einblicke in die Psyche des Komponisten, eines sensiblen homosexuellen Mannes in der damaligen Zeit“, so David Alden. „Es geht aber um viel mehr als das, sonst hätte das Werk nicht überlebt. Die Oper ist auch eine Parabel über Gut und Böse, ein Stück über Machtkämpfe und eine unmögliche Liebe.“

David Alden hat Britten schon in seiner Jugendzeit für sich entdeckt. 1967 sah er die legendäre „Peter Grimes“-Produktion der Metropolitan Opera mit Jon Vickers. „Es war einer der fantastischsten Opernabende meines Lebens. Seitdem bin ich verrückt nach Britten.“ Die wichtigsten Opern des Engländers hat er schon inszeniert. „Death in Venice“ ist als nächste an der Reihe. So wenig wie Alden in „Peter Grimes“ ein pittoreskes Fischerdorf auf die Bühne stellte, so wenig bekommen wir in „Billy Budd“ Matrosen auf einem Schiff zu sehen. „Die Oper spielt bei uns in keiner bestimmten Zeit, und in Paul Steinbergs Bühnenbild ist auch nur die Abstraktion eines Kriegsschiffs zu sehen. Es könnte Panzerkreuzer Potemkin oder ein Gefängnis sein.“ Auf dem Schiff herrscht eine Atmosphäre von Sadismus, aber auch von intensiver Sehnsucht. „Für den Zuschauer wird das eine tiefe emotionale Erfahrung“, verspricht der Regisseur.

Die Berliner Version wird keine reine Neuauflage der Londoner Premiere. David Alden verrät, dass er schon ein paar neue Ideen entwickelt hat. Vor allem arbeitet er in Berlin mit anderen Sängern. Das ist entscheidend für den Regisseur, der für seine sensible Personenregie bekannt ist: „Kann sein, dass wir zu ganz neuen Erkenntnissen kommen.“

Autorin: Martina Helmig

Aus der Beilage zur Berliner Morgenpost, Mai 2014

Foto © 2013, Heji Shin

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