Der Blog

Herzlich Willkommen im Blog der Deutschen Oper Berlin! An dieser Stelle laden wir Sie ein, mit uns gemeinsam über aktuelle Premieren und Repertoirevorstellungen ins Gespräch zu kommen. Wir nehmen Sie mit auf die Reise in die belebte Vergangenheit des Hauses, erzählen Geschichten seiner Protagonisten, geben tiefere Einblicke in die vielfältige Jugendarbeit und stellen ihnen wunderbare Künstler/Innen vor. Wir freuen uns auf Sie und ihre Kommentare!

19.05.2014

Auf Erfolgskurs

Der Bariton John Chest singt die Titelrolle in Benjamin Brittens Matrosenoper BILLY BUDD

Von Udo Badelt

Gerader Gang, aufrechte und weltoffene Haltung, lässig-interessierter Blick, Stupsnase, dunkelblonde Haare und eine tiefliegende, leicht angedunkelt raunende Stimme, die schon im Gespräch den Bariton verrät: Gestatten, John Chest, 28, neuestes Mitglied im Ensemble der Deutschen Oper Berlin. Etwas Maritimes, zugleich Bodenständiges – Typ Bolzplatzspieler –, umweht die Gestalt des Amerikaners schon von Weitem, und man kann sich wunderbar vorstellen, wie er, die Hand fest an der Reling, geradewegs auf den bisherigen Höhepunkt seiner Sängerkarriere zu segelt: Im Mai wird er sein Rollendebüt als Billy Budd in Benjamin Brittens gleichnamiger Oper geben und jenen Matrosen verkörpern, der wegen seines offenherzigen, arglosen Wesens von allen Männern an Bord des Kriegsschiffs „Indomitable“ geschätzt, ja geliebt wird, für den Kapitän Edward Fairfax Vere [eine der vielen Rollen, die Britten für seinen Lebenspartner Peter Pears schrieb] eine besondere Zuneigung hegt und der doch gerade deswegen nicht sieht, wie er in sein Verderben steuert. Das wiederum lauert in der Figur des provokanten, fiesen Schiffsprofoss’ John Claggart auf ihn.

Für Chest ist es die anspruchsvollste und exponierteste Rolle, die er bis jetzt gesungen hat. Dass er überhaupt Sänger werden würde, überrascht nicht angesichts der musikalischen Familie, in der er aufgewachsen ist. Er ist in Greenville, South Carolina geboren, sein Vater war Klarinettenlehrer und spielte in der Kirche – wo seine Mutter im Chor sang. „Viele Leute haben meine Stimme gehört und mich immer wieder ermuntert, Gesangsunterricht zu nehmen“, erzählt er. Was er dann an der heimischen Bob Jones University auch tat, später am Chicago College of Performing Arts. Der entscheidende Durchbruch fand für ihn an der Santa Fe Opera in New Mexico statt, wo er mit 23 Jahren am Apprentice Singer Program teilnahm. In Santa Fe wird, umweht von heißtrockenem Wüstenwind, seit 1957 jeden Sommer Oper aufgeführt, in einem architektonisch anspruchsvollen, an den Seiten offenen Theater. Das parallele Apprentice Program gibt jungen Sängern die Möglichkeit, sich auszuprobieren, in einer großen Produktion mitzumachen, sogar Titelrollen als Einspringer einzustudieren. Außerdem reisen Vertreter der großen amerikanischen – und einiger europäischer Häuser – an, um den Nachwuchs zu hören. Rund 1000 Hoffnungsfrohe bewerben sich jedes Jahr für dieses Programm, 50 von ihnen bekommen tatsächlich eine Chance.

John Chest hat in Santa Fe unter anderem die Arie des Zurga „O Nadir, tendre ami de mon jeune âge“ aus Bizets DIE PERLENFISCHER interpretiert – und bekam prompt eine Zusage für das Opernstudio der Bayerischen Staatsoper in München. Außerdem lernte er an jenem Tag auch seinen künftigen Manager kennen. „Santa Fe makes careers“, sagt man in den USA – für Chest trifft das auf jeden Fall zu. Und weil die Zahl der amerikanischen Spitzenhäuser [New York, Chicago, San Francisco, Los Angeles, Houston] rar gesät ist, ist es für jeden jungen amerikanischen Sänger schon allein aus Arbeitsplatzerwägungen ein unschätzbarer Vorteil, nach Europa zu gehen. In München übernahm er ab 2009 kleinere Rollen: Morales in CARMEN, den zweiten Nazarener in SALOME, einen Kommissar in DIALOGE DER KARMELITERINNEN. Und er begann, sich den deutschen romantischen Liedgesang anzueignen. Mit Auszügen aus Schuberts „Winterreise“ gewann er 2010 die Stella Maris International Vocal Competition auf dem Kreuzfahrtschiff MS Europa. Dann Berlin: Vorsingen an der Deutschen Oper Berlin vor Generalmusikdirektor Donald Runnicles und Operndirektor Christoph Seuferle. Seit Beginn der laufenden Spielzeit gehört er dem 32-köpfigen Ensemble des Hauses an, singt hier Papageno, den Grafen Almaviva in DIE HOCHZEIT DES FIGARO oder Schaunard in LA BOHEME.

Und jetzt also BILLY BUDD. Eine Rolle, auf die er sich schon lange innerlich vorbereitet, die er studiert, ja absorbiert hat. Denn schon in Santa Fe, vor fünf Jahren, wurde das Stück aufgeführt, Chest hat in einer Nebenrolle mitgemacht. Und damals schon gemerkt: Diesen Billy muss ich einmal singen. Auf der MS Europa war es – neben der „Winterreise“ – nicht zuletzt seine Interpretation von Billys großer Abschiedsarie „Look, through the port“, die ihm den Sieg gesichert hat. Vor großen Worten und Gefühlen hat John Chest keine Angst. „Ich denke manchmal, diese Oper wurde für mich geschrieben“, sagt er, „es fühlt sich an, als würde hier meine Persönlichkeit auf die Bühne verlängert.“ Damit will er nicht sagen, dass er ähnlich naiv, weltfremd ist wie Billy. Er meint die enthusiastische Art, mit der Billy seine neue, ihm ja eigentlich aufgezwungene Rolle als Matrose annimmt – ganz anders als die beiden Mitgefangenen, mit denen er zu Beginn der Oper rekrutiert wird. In dieser Begeisterungsfähigkeit und zugleich fast schlafwandlerischen Sicherheit auf dem Weg in ein neues Leben kann John Chest durchaus Parallelen zu seinem eigenen beruflichen Werdegang entdecken. „In Billy sehe ich mich, wie ich vor fünf Jahren war.“

Eine schöne Sache, dass die Deutsche Oper Berlin das Stück jetzt herausbringt und damit an die Erfolgsproduktion von PETER GRIMES anknüpft, mit der sie im Januar 2013 das Britten-Jubiläumsjahr eröffnete. John Chest würde BILLY BUDD nicht als Brittens beste Oper bezeichnen, aber doch mindestens als seine zweitbeste. Der Spitzenplatz gebührt nach wie vor PETER GRIMES, findet er, wegen der Schönheit der musikalischen Themen [Stichwort: Die „Sea Interludes“] und der Feingeistigkeit, mit der sie mit der dramatischen Entwicklung verwoben sind. Da ist zum Beispiel Grimes’ Arie „So be it and god have mercy on me“ im dritten Akt, die nach und nach vom gesamten Chor übernommen wird. Was John Chest an Brittens Komponieren begeistert: Wie er die Struktur in kleinste Einheiten zerteilt, die alle für sich genommen nichts Neues darstellen, die aber im Arrangement, in Brittens „musikalischem Recycling“, ein geniales neues Kunstwerk formen.

Er kenne keinen Komponisten, meint er, auch nicht Wagner und Verdi, für den die Sprache, die englische Sprache eine so elementare Grundlage der Arbeit darstelle. „Britten verstand es, Sprache und Musik so zu fusionieren, dass er exakt ausdrücken konnte, was er wollte.“ Deshalb ist es auch so wichtig, seine Opern immer im Original zu hören. Musikalisch gehört BILLY BUDD für John Chest zum Schönsten, was Britten geschaffen hat. Die Oper enthalte wunderbar lyrische, intime Momente, etwa den Beginn von Billys großer Arie im Finale, wo er im Schiffsgefängnis sitzt und seine Hinrichtung erwartet. Die Wellen des Meeres plätschern leise in den Streichern, von Ferne ertönt eine Pfeife, das Orchester wird gedimmt zu fast vollkommener Stille. Im krassen Kontrast dazu: Der Beginn des zweiten Aktes, wo der mehrfach geteilte Chor vollständig auftritt und die Bühne die vielen Sänger kaum fassen kann. „Phänomenal“, meint John Chest.

Zu Britten verspürt er eine besondere Verbindung wie sonst nur zu Mozart. Das Stichwort ist „Vertrauen“. „Ich vertraue beiden Komponisten und ihren Figuren – dass ich mich in sie einfühlen kann.“ Das funktioniert nicht ohne ein Mindestmaß an Empathie. Der Graf in DIE HOCHZEIT DES FIGARO zum Beispiel: Ein Schürzenjäger, der auf überkommenen Rechten besteht und meint, sich nehmen zu können, was er will. Eigentlich kein sympathischer Charakter. Chest überlegt sich, bevor er ihn singt, wie Almaviva zu dem geworden ist, der er ist, was ihn innerlich bewegt, was passiert sein könnte mit der Figur zwischen dem DER BARBIER VON SEVILLA und dem FIGARO. Und das hat dann auch Einfluss auf die Klangfarben seiner Stimme. Es kommt darauf an, den Missing Link, das Verbindungsstück zwischen der Figur und der eigenen Persönlichkeit zu finden. „Wer das nicht tut“, sagt er, „ist auf der Bühne einfach nicht interessant.“ Wenn er Billy Budd singt, dürfte man sich da keine allzu großen Sorgen machen.

 

Udo Badelt, Kulturjournalist, studierte Germanistik und Geschichte in Düsseldorf und Berlin. Volontariat bei der Märkischen Oderzeitung in Frankfurt (Oder). Er arbeitet regelmäßig für den Berliner Tagesspiegel und die Fachzeitschrift Opernwelt. Dieser Artikel entstand für die Beilage der Deutschen Oper Berlin im Berliner Tagesspiegel.

 

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