Der Blog

Herzlich Willkommen im Blog der Deutschen Oper Berlin! An dieser Stelle laden wir Sie ein, mit uns gemeinsam über aktuelle Premieren und Repertoirevorstellungen ins Gespräch zu kommen. Wir nehmen Sie mit auf die Reise in die belebte Vergangenheit des Hauses, erzählen Geschichten seiner Protagonisten, geben tiefere Einblicke in die vielfältige Jugendarbeit und stellen ihnen wunderbare Künstler/Innen vor. Wir freuen uns auf Sie und ihre Kommentare!

29.10.2012

Deutsche Oper Berlin 1912–2012

Wenn die Deutsche Oper Berlin am 7. November 2012 des 100. Jahrestages ihrer Gründung gedenkt, blickt sie auf eine bewegte Geschichte zurück. Geplant und eröffnet wurde das Charlottenburger Opernhaus noch im Kaiserreich als eines der ersten Theater, die konsequent dem Geist Bayreuths folgten. Nicht nur war ein Schalldeckel vorgesehen, der bei Wagneraufführungen das Orchester unsichtbar und den Klang ebenmäßig machen sollte, auch der Zuschauerraum war vom Aufbau des antiken Theaters inspiriert. Das Opernhaus besaß zwar Ränge, aber keine Logen, wie sie für die höfische Gesellschaft unerlässlich waren, die schließlich eher ins Theater ging, um gesehen zu werden, als um zu sehen. Insofern war das Haus, das sich »Deutsches Opernhaus« nannte und von dem Komponisten und Dirigenten Ignatz Waghalter mit FIDELIO eröffnet wurde, ein Vorreiter der Republik und überstand die gesellschaftliche Umwälzung zunächst ohne Probleme. Die deutsche Währungskrise 1922/23 setzte dem Unternehmen, das als Aktiengesellschaft auftrat, jedoch schwer zu.

Die Insolvenz war nur dadurch abzuwenden, dass die Stadt Berlin, zu der Charlottenburg seit 1920 gehörte, das Haus übernahm und 1925 eine neue Leitung mit Bruno Walter als Generalmusikdirektor und Heinz Tietjen als Intendant einsetzte. Damit hatte Berlin erstmals drei öffentlich finanzierte Opernhäuser: neben der »Städtischen Oper«, wie sie nun hieß, die zwei Häuser der Staatsoper, das Stammhaus Unter den Linden (das allerdings gerade renoviert wurde) mit Erich Kleiber als Generalmusikdirektor, und das Haus am Platz der Republik, besser bekannt als »Krolloper«, unter der unabhängigen künstlerischen Leitung von Otto Klemperer. Glanzvolle Sängernamen wie Sigrid Onegin, Ivar Andresen, Alexander Kipnis, Carl Martin Oehmann, um nur einige zu nennen, gehörten in dieser Zeit zur Städtischen Oper.

Unter dem Druck der nationalsozialistischen Presse wurde die Krolloper 1931 geschlossen. Vorausgegangen waren lange Diskussionen, innerhalb derer auch die Städtische Oper zeitweise zur Disposition gestanden hatte. Doch die Stadt entschloss sich zu einem Neuanfang in der Städtischen Oper, von der sich Bruno Walter schon 1929 zurückgezogen hatte, und holte Carl Ebert aus Darmstadt als Intendanten. Ihm blieben leider nicht einmal zwei Jahre, die Idee einer Oper für ein breites Publikum (der Zuschauerraum fasste 2.300 Plätze) mit den modernen Ideen eines vom Geist des Schauspiels durchdrungenen Darstellungsstils zusammenzuführen. Ebert gehörte zu den ersten Opfern der Machtübernahme am 30. Januar 1933 und musste seinen Platz räumen.

Für kurze Zeit fungierte Max von Schillings als Intendant, er starb jedoch schon am 24. Juli 1933. Es folgte ein Interregnum, das mit der Übernahme durch das Reich und einer erneuten Umbenennung beendet wurde. Als einziges Opernhaus, das direkt dem Propagandaministerium unterstellt war, wurde es gelegentlich als »Reichsoper« bezeichnet, der offizielle Name war jedoch wieder »Deutsches Opernhaus«. Aus der künstlerischen Konkurrenz zur Staatsoper wurde nun auch eine staatspolitische. Der Reichspropagandaminister Joseph Goebbels hatte mit diesem Opernhaus ein Instrument, mit dem er den Preußischen Ministerpräsidenten (und Reichsluftfahrtminister etc.) Hermann Göring herausfordern konnte. Der »Führer« selbst besetzte das Amt des Intendanten mit seinem Lieblingssänger Wilhelm Rode, der seit 1925 gleichzeitig im Ensemble der Münchner Staatsoper und der Städtischen Oper Berlin wirkte.  Eine »Führerloge« musste für die offiziellen Besuche Hitlers eingebaut werden; außerdem wurde das Haus baulich erweitert und die Bühnentechnik erneuert. Weil Karl Böhm sich in Dresden schon verpflichtet hatte, dirigierte er nur die Wiedereröffnung, blieb dem Haus aber bis zu seinem Tode 1981 eng verbunden.

1943 und 1944 wurde das Deutsche Opernhaus insgesamt vier Mal schwer von Bomben getroffen und war nicht mehr bespielbar zu machen bis zum Ende des Krieges. Nach dem Krieg zog das gesamte Ensemble, angeführt von dem Bassisten Michael Bohnen, in das Theater des Westens, das nur leicht beschädigt war und repariert werden konnte. Der sowjetische Stadtkommandant betraute Bohnen mit dem Wiederaufbau eines Spielbetriebs im Theater des Westens, jetzt wieder unter dem Namen »Städtische Oper«. Am 2. September 1945 stellte sich das Ensemble dort mit FIDELIO den alliierten Truppen vor, am 4. September war die Premiere für das Berliner Publikum. Auf Bohnen folgte 1948 erneut Heinz Tietjen als Intendant, der Ferenc Fricsay als Generalmusikdirektor gewann. Legendär dessen erste Premiere, DON CARLOS, mit dem debütierenden Dietrich Fischer-Dieskau als Posa, vom RIAS live im Hörfunk übertragen.

Lange bemühten sich Tietjen und die Stadt um die Rückkehr von Carl Ebert aus dem kalifornischen Exil. Sein Name verband sich inzwischen vor allem mit  den Sommerfestspielen in Glyndebourne, die er seit 1934 mit Fritz Busch und Rudolf Bing, die mit ihm auch in Berlin gearbeitet hatten, künstlerisch leitete. 1953 endlich willigte er ein, als Intendant an seine frühere Wirkungsstätte zurückzukehren. Er gab dem Haus neue internationale Beachtung mit Ur- und Erstaufführungen, darunter MOSES UND ARON von Arnold Schönberg, eine Oper, die bis dahin in Deuschland nur konzertant aufgeführt worden war. Für die Inszenierung verpflichtete er Gustav Rudolf Sellner, der als Schauspielregisseur bereits am Schillertheater gearbeitet hatte. 1955 schon war die Entscheidung gefallen, am alten Standort in der Bismarckstraße ein neues Opernhaus aufzubauen.

Nach sechs Jahren Bauzeit konnte das neue, von Fritz Bornemann gestaltete Haus bezogen werden, das nun, einer Anregung von Ferenc Friscay folgend, den Namen „Deutsche Oper Berlin“ trug. Zur Eröffnung inszenierte Carl Ebert DON GIOVANNI. Es war seine letzte Inszenierung in Berlin, danach zog er sich als Intendant in den Ruhestand zurück. Den Schlüssel zum neuen Haus hatte er an Gustav Rudolf Sellner übergeben, dem nun die Aufgabe blieb, das durch den Mauerbau sechs Wochen vor der Eröffnung nur noch dem Westpublikum zugängliche Opernhaus zu einem der kulturellen Leuchttürme der Inselstadt auszubauen. Ein international hoch angesehenes Ensemble, weiterhin Ur- und Erstaufführungen neben dem großen klassischen Repertoire weckten das Interesse an dem Haus; ausgedehnte Gastspielreisen, u. a. in Japan und den USA, machten die Deutsche Oper Berlin zu einer weltweit bekannten Marke. Ferenc Fricsay, der die Eröffnung dirigiert hatte, konnte die ihm angetragene Funktion des Generalmusikdirektors aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr annehmen. Erst 1965 wurde diese Position wieder besetzt. Lorin Maazel war – wie einst auch Ferenc Fricsay – Chefdirigent des RIAS-Orchesters, das nun Rundfunk-Sinfonieorchester hieß, und gleichzeitig Generalmusikdirektor der Deutschen Oper Berlin. Die Nachfolger Sellners, zuerst sein bisheriger Stellvertreter Egon Seefehlner, dann der als Cellovirtuose vor allem der Moderne weltweit tätige Siegfried Palm, setzten den eingeschlagenen Kurs fort und brachten eigene Akzente etwa auf dem Gebiet der Belcanto-Oper ein – die damaligen Produktionen von LUCIA DI LAMMERMOOR (Premiere 1980) und LA GIOCONDA (Premiere 1976) stehen noch heute auf dem Spielplan.

1981 kam es zu einer künstlerischen Neuausrichtung unter Götz Friedrich als Chefregisseur und Generalintendant, der bewusst an die Traditionen der Krolloper anknüpfte, indem er etwa als erste Premiere AUS EINEM TOTENHAUS von Leoš Janáček auf den Spielplan setzte, das Werk, das 1931 als letztes an der Krolloper herausgekommen war. Neben Jesús López Cobos, der sein Amt als Generalmusikdirektor mit Götz Friedrich angetreten hatte, wirkte in den ersten Jahren auch Giuseppe Sinopoli am Pult des Orchesters. Nach seinem sensationellen MACBETH1980 dirigierte er zunächst Verdi und Puccini, später wandte er sich mit ARABELLA und SALOME auch Richard Strauss zu. Welchen Reiz die Deutsche Oper Berlin in allen ihren Epochen auf die internationale Sängerprominenz ausgeübt hat, zeigte sich exemplarisch an Inszenierungen wie der AIDA aus dem Jahr 1982, in der unter der musikalischen Leitung Daniel Barenboims und in der Regie Götz Friedrichs Solisten wie Julia Varady, Luciano Pavarotti, Dietrich Fischer-Dieskau und Matti Salminen mitwirkten.

Durch den Fall der Berliner Mauer im Jahr 1989 hatten sich wesentliche Faktoren in der Wahrnehmung der Deutschen Oper Berlin und an ihrem Status geändert. Wie vor dem Krieg und mit Einschränkungen auch noch bis 1961 stand sie nun wieder in der unmittelbaren Konkurrenz mit der Staatsoper einerseits und der Komischen Oper andererseits, von deren Traditionen durch die Person Götz Friedrichs, der als Dramaturg Walter Felsensteins dort angefangen hatte, sie auch beeinflusst war. 1997 übernahm Christian Thielemann das Amt des  Generalmusikdirektors. Noch vor dem Ende seiner Amtszeit starb Götz Friedrich im Dezember 2000.

Sein Nachfolger Udo Zimmermann brachte neue Regisseure und Werke, die lange in Berlin nicht zu Gehör gekommen waren, konnte sich aber im Kulturbetrieb nicht durchsetzen und zog sich nach kaum zwei Jahren zurück. Dennoch setzte er mit dem Engagement von Daniel Libeskind für Olivier Messiaens SAINT-FRANÇOIS D’ASSISE und Karl-Ernst und Ursel Herrmann für Luigi Cherubinis MÉDÉE wichtige Akzente auf der szenischen Seite.

2004 bis 2011 führte die Regisseurin Kirsten Harms das Haus und brachte neben dem großen romantischen Repertoire mit Verdi, Wagner und Strauss viele Raritäten und Wiederentdeckungen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Seit 2009 gibt Donald Runnicles als Generalmusikdirektor neue Impulse und Schwerpunkte, zu denen eine erneute Auseinandersetzung mit Janáček und ein Hinwendung zum Repertoire der »grand opéra«, beginnend mit LES TROYENS von Hector Berlioz, gehören.

Ein Film, OUVERTÜRE 1912, und ein Buch, 100 Jahre Deutsche Oper Berlin. Geschichte und Geschichten aus der Bismarckstraße, erscheinen zum Jubiläum. Doch noch längst sind nicht alle Geschichte aus der Bismarckstraße erzählt. In diesem Blog können wir an einzelne Ereignisse und Personen erinnern, die in der Chronik, die 100 Jahre auf gut 100 Seiten darstellen musste, nicht viel mehr als eine Erwähnung finden konnten. Begonnen hat der Blog aus aktuellem Anlass mit einer Erinnerung an die PARSIFAL-Premiere vor fast 99 Jahren, am 1. Januar 1914. Kommentare und Nachfragen sind willkommen, ebenso Anregungen und Hinweise auf Komponisten, Sänger, Dirigenten, Regisseure, Bühnenbildner, die an der Deutschen Oper Berlin, dem Deutschen Opernhaus und der Städtischen Oper gearbeitet haben, und über die Sie gern mehr erfahren möchten.

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