Der Blog

Herzlich Willkommen im Blog der Deutschen Oper Berlin! An dieser Stelle laden wir Sie ein, mit uns gemeinsam über aktuelle Premieren und Repertoirevorstellungen ins Gespräch zu kommen. Wir nehmen Sie mit auf die Reise in die belebte Vergangenheit des Hauses, erzählen Geschichten seiner Protagonisten, geben tiefere Einblicke in die vielfältige Jugendarbeit und stellen ihnen wunderbare Künstler/Innen vor. Wir freuen uns auf Sie und ihre Kommentare!

17.06.2014

Es kommt darauf an, wie man Experiment definiert

Anlässlich der Uraufführung Love Affairs des Stipendienprogramms „Akademie Musiktheater heute“ [AMH] der Deutsche Bank Stiftung trafen sich Dramaturg Curt A. Roesler [R], Michael Münch [M], Vorstand der Deutsche Bank Stiftung, und Tilman Hecker [H], Stipendiat 2011 – 2013 der AMH zum Gespräch. Dabei stellte sich heraus, dass nicht nur der Dramaturg Fragen hatte.

R: Herr Münch, was ist Kunst?

M: Kunst, oder auch Kultur ist das, was über die Dinge hinausgeht, die uns permanent und andauernd fordern und beschäftigen. Kunst ist das, was eine Gesellschaft zusammenhält, was eine Gesellschaft stark macht, kreativ macht und uns allen auch einen geistigen Mehrwert schafft.

R: Eine sehr schöne Definition von Kunst. – Stimmt dem der Künstler zu? Ist Kunst etwas Zusätzliches? Ist Kunst nicht etwas, was wir wirklich brauchen?

H: Etwas Zusätzliches ist es für mich nicht, für mich ist Kunst eine Sprache. Eine Sprache, in der wir uns mit der Umwelt, der Gesellschaft, mit der Welt unterhalten. Kunst ist eine erweiterte Kommunikationsform.

R: Ich muss genauer nachhaken: Es hörte sich fast so an, als wäre Kunst etwas, worauf man auch verzichten könnte.

H: Das kann man nicht, nein.

M: Definitiv nicht. Wir alle brauchen Kunst – jedes Individuum braucht Kunst.

R: Sie sagen also beide, Kunst ist unverzichtbar. Also kommt die Frage: Wie finanziert man Kunst und wie soll sie finanziert werden?

M: Kunst muss von allen finanziert und idealer Weise auch gewollt werden. Es gibt einen breiten Konsens darüber, dass die Grundversorgung für Kultur durch staatliche Mittel sichergestellt werden muss. Aber auch Private sind aufgefordert, ihren Beitrag zu leisten. Allerdings nicht in der Vehemenz wie in Amerika, wo vorwiegend die rein private Förderung von Kultur praktiziert wird.

H: Beides hat Vor- und Nachteile. Die subventionierte Kunst läuft Gefahr, bequem zu werden. Im Gegensatz zu der Kunst, die sich ihren Platz erkämpfen muss.

M: Gibt es denn nicht-subventionierte Kunst, die sich selbst trägt?

H: In anderen Formen vielleicht. Die Oper ist eine der aufwändigsten Kunstformen. Ein Schriftsteller kann, sehr lapidar gesagt, irgendeinen Brotjob haben und trotzdem schreiben. Ähnlich wie in der Malerei, der Fotografie. Doch eine Oper aufzuführen, involviert bereits eine Vielzahl von Menschen, die davon leben müssen.

R: Film kann sich finanzieren …

M: Ja, der bekannte Maler kann davon leben, dass er seine Malerei verkauft. Aber bis er dahin kommt, braucht er Ausstellungsförderungen oder Stipendien. Die arrivierte Kunst hat es leichter, sich zu finanzieren, aber der Start ist meines Erachtens ohne Drittmittel schwer zu stemmen.

R: Für wen ist die Kunst, von der wir sprechen? Herr Münch, Sie haben vorhin gesagt, Kunst ist für alle. Herr Hecker, sagt das auch der Künstler?

H: Kunst kann kein Monolog sein, jedenfalls nicht für mich. Sie ist eine Sprache, die ein Gegenüber hat. Das können alle sein, das kann aber auch eine ganz spezifische Person sein. Es gibt Kunst, die nicht für alle gemacht ist.

M: Es sollte allen möglich sein, daran teilzuhaben. Dass nicht jede Kuns alle erreicht ist klar, aber es sollte niemand durch Eintrittspreise oder andere Zugangsbarrieren grundsätzlich ausgeschlossen sein.

R: Kommen wir zum Auftraggeber. Der ist ja nicht direkt das Publikum, das angesprochen werden soll. Sondern der Staat, die Stiftung. Wie nimmt der Auftraggeber durch den Auftrag, den er gibt, Einfluss auf die Kunst?

H: Idealerweise nimmt er den nicht, weil wir ein freies Kunstwerk schaffen wollen.

M: Der Auftraggeber hat keinen Einfluss zu nehmen!

H: Da gibt es viele Gegenbeispiele in der Geschichte …

M: Ich spreche jetzt für unser Haus. Wenn wir im Rahmen unseres Stipendiatenprogramms „Akademie Musiktheater heute“ Projekte wie LOVEAFFAIRS unterstützen, dann werden Sie nicht erleben, dass wir die Inszenierung bestimmen. Wir lassen den Stipendiaten künstlerischen Freiraum.

H: Freiraum in gewissen Grenzen. Wir könnten uns nicht alles erlauben.

M: Was meinen Sie mit „alles“?

H: Wenn jetzt zum Beispiel ein sehr bankenkritisches Werk entstehen würde …

M: Ich glaube, damit hätten wir weniger Probleme, als wenn Sie jetzt, überspitzt ausgedrückt, etwas Minderheitendiskriminierendes oder Pornografie thematisieren würden. Dann würden wir sicherlich das Gespräch mit Ihnen suchen.

H: Oh je, Pornografie ist durchaus ein Thema bei LOVEAFFAIRS …

M: Wir legen Wert darauf, keinen Einfluss auf konkrete Darstellungsformen oder Inhalte zu nehmen. Es sei denn, es handelt sich um beispielsweise die Dauer des Stücks: Eine fünfstündige Aufführung würde aus unserer Sicht den Rahmen sprengen.

H: Ich glaube, wir meinen das Gleiche. Es gibt sicher Grenzen in unserer Freiheit.

R: Das wäre dann ja auch unsere Aufgabe als Veranstalter, auf die Dauer des Werks zu achten.

H: Es gab doch einen Moment der Grenzensetzung während des Projekts, als die Ideen aufkamen, bei einem freien Festival mitzuarbeiten oder ein Festival zu gründen.

M: Das betraf aber auch wieder mehr die Rahmenbedingungen. Das Abschlussprojekt sollte ein Format haben, das wir an einer Reihe von Häusern etablieren können. Damit verfolgen wir auch das Ziel, dass sich unsere Stipendiaten mit den Strukturen eines Stadttheaters auseinandersetzen. Schließlich ist es für viele später die Wirkungsstätte. Deshalb würden wir uns mit einem Festival als alleinigem Premierenort etwas schwer tun.

R: Damit Oper, oder auch ganz allgemein Kunst, stattfindet, braucht es die Künstler auf der einen Seite, auf und hinter der Bühne, und es braucht auf der anderen Seite das Publikum. Und dann gibt es noch eine dritte Gruppe, diejenigen, die das wie Sie finanzieren. Auf welcher Seite sind Sie? Bei den Künstlern oder beim Publikum?

M: Ich sehe uns in der von Ihnen angesprochenen dritten Gruppe. Wir als Stiftung sehen uns dabei als Mediator, der beides zusammenbringt und den Fortbestand dieser Kunstform ermöglichen will. Dies ist eine anspruchsvolle und damit auch sehr kostenintensive Form. Zugleich wollen wir auch dem Publikum etwas bieten.

R: Das ist eine sehr schöne Antwort, aber nicht das, was ich wissen wollte. Ich wollte wissen, ob Sie an dieser Kunst, die hier entsteht, teilnehmen, oder ob Sie sie nur rezipieren.

M: Wir wollen teilnehmen, indem wir einen Freiraum zum Experimentieren ermöglichen. Wir möchten nicht bloß zwei, drei Inszenierungen an einem deutschen Stadttheater finanzieren, sondern wir wollen anders ansetzen. Wir wollen einen Rahmen schaffen, der dem Erhalt des Genres dienen soll.

R: Wie ist es zu LOVEAFFAIRS gekommen?

H: Wir haben mit diesem Projekt vom Anfang des Stipendiums an viele Etappen durchlaufen. Wir sind in unzähligen Brainstorming-Runden verschiedenen Projekt-Ideen nachgegangen. Ein großes Thema in unseren Vorgesprächen war der Zufall. Gemeinsam unzusammenhängende Situationen und Szenen zu schaffen und diese zu verbinden, ist allerdings zu kompliziert geworden. Daraus hat sich dann eine Oper entwickelt, die nicht aus zwanzig kleinen, sondern aus vier großen Szenen besteht, die sich alle mit jeweils verschiedenen Formen der Liebe auseinandersetzen.

R: In den ersten Jahren der „Akademie Musiktheater heute“ gab es noch kein Abschluss-Projekt wie jetzt dieses.

M: Nein, es gab nur einen Abend, der zu einer Abfolge von Auftritten geriet. Aus dieser Erfahrung ist dann die Idee eines gemeinsamen Abschlussprojekts entstanden. Mit den Stipendiaten der Bielefelder Produktion Orlando im letzten Jahr fand eine Nachbesprechung statt, die nochmals die Frage aufgriff, inwieweit dieses Format sinnvoll ist und ob man nicht lieber den Laborcharakter herausstellen sollte.

R: Also ein Projekt, wo kein Endergebnis gefordert ist?

M: Zumindest kein abendfüllendes Ergebnis aus einem Guss. Es wäre beispielsweise zu überlegen, ob man kleinere Gruppen bildet, die kleine Formate entwickeln. Da befinden wir uns auch im Stiftungsvorstand in der Diskussion über eine mögliche Weiterentwicklung.

H: Ein Experiment mit offenem Ausgang hat es vermutlich noch nie gegeben?

M: Nein.

R: Da kommt es aber auch darauf an, wie man Experiment definiert.

M: Was würden Sie denn von der Idee halten, Herr Hecker, wenn wir sagen, der Jahrgang wird von einem Haus über die zwei Jahre begleitet. Und innerhalb des Jahrgangs können sich ganz unterschiedliche Formationen bilden, die sich experimentell ausprobieren. Ob das dann in einen gemeinsamen Abend eingebunden werden kann, ist dann eine andere Frage. Also es müsste kein geschlossenes Werk entstehen, sondern sollte eher eine Art Werkstatt sein.

H: Es klingt so, als müsste man ja sagen. Doch letztendlich sind bei jeder Projektform die Künstler gefragt – an ihnen liegt es, was dabei entsteht.

R: Ich denke das Problem wäre vor allem logistischer Art. Das würde nämlich bedeuten, dass die Gruppe jeweils über längere Zeiträume beieinander bleibt. Und das ist schwierig, da es sich ja um ein studien- und berufsbegleitendes Bildungsangebot handelt. Fast alle Teilnehmer sind beruflich schon sehr eingespannt.

M: Ja, das ist klar, eine größere zeitliche Inanspruchnahme der Teilnehmer ist nicht möglich.

R: Deswegen meine ich auch, dass ein solches Experimentieren ein Stadium vor dem Stipendium sein müsste.

M: Auch jetzt ist es ja so, dass sich die Stipendiaten auch außerhalb unseres Programms treffen, um die Abschlussarbeit vorzubereiten. Und da zeigt sich, dass es einfacher ist, kleinere Gruppen terminlich zusammenzubringen. Wenn es drei Mal fünf Stipendiaten oder vier Mal vier Stipendiaten sind, die zusammenkommen, lässt sich das leichter organisieren. Die Frage ist aber auch an Sie, Herr Roesler, wie schwer tut sich denn ein Haus wie die Deutsche Oper Berlin in der Zusammenarbeit mit den Stipendiaten?

R: Klar ist: Ein solcher Abend ist auch für die Deutsche Oper Berlin ein Experiment. Die Tischlerei ist aber auch der Ort für Experimente. Wir haben schon viel damit zu tun, die Kommunikation frisch zu erhalten mit einer so großen Anzahl von Künstlern. Es ist auch eine logistische Aufgabe, die alle unter ein Dach zu bringen. Es zeigt sich, auch die Kunst ist eine Sprache, in der kommuniziert wird, aber nicht jeder spricht die gleiche Sprache, und man muss sehen, wie man zusammenkommt. Das ist ein Abenteuer, worauf ich mich auch ganz besonders freue.

Interview aus der Tischlerei-Zeitung No. 2

Foto: LoveAffairs / Fall © Thomas Aurin

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