Der Blog

Herzlich Willkommen im Blog der Deutschen Oper Berlin! An dieser Stelle laden wir Sie ein, mit uns gemeinsam über aktuelle Premieren und Repertoirevorstellungen ins Gespräch zu kommen. Wir nehmen Sie mit auf die Reise in die belebte Vergangenheit des Hauses, erzählen Geschichten seiner Protagonisten, geben tiefere Einblicke in die vielfältige Jugendarbeit und stellen ihnen wunderbare Künstler/Innen vor. Wir freuen uns auf Sie und ihre Kommentare!

26.11.2012

Treffen mit einem Opernsänger

Lenus Carlson

Jeder Tag ist ein neues Abenteuer, jeder Tag ist ein neuer Schritt im Leben. Als wir voller Stolz und Spaß durch den Bühneneingang der Deutschen Oper Berlin gingen, hatten wir keine Ahnung, was auf uns zukam. In der Probebühne B begrüßte uns ein charismatischer Mann mit kräftiger Stimme und herzlichem Lächeln: Lenus Carlson. Der berühmte Bariton!

Als er von seinem Werdegang erzählte, stieg stetig unsere Bewunderung und Sympathie. Er wuchs in einer Kleinstadt in North Dakota auf. Diese Kleinstadt habe fast nur hundert Einwohner, die meisten davon Bauern. Mit einem bübischen Lächeln beschrieb er seine Heimat als „Land der Indianer, Cowboys!“ Opernsänger zu werden lag daher denkbar fern: „Meine Familie hat keine Oper gehört.“ Weiter in einer heiteren Stimmung erzählte er, wie durch „God bless America“ sein Talent im Singen entdeckt wurde. Mit 14 Jahren hatte er begonnen, Gesangsunterricht zu nehmen. Es sei sehr wichtig, dass der Lehrer sehr kompetent sei. Er betonte, dass der Lehrer wissen müsse, was eine junge Stimme brauche. Denn ein Lehrer sei in der Lage, eine Stimme zu zerstören oder auch so zu verändern, dass der individuelle Ausdruck verloren gehen könne.

Nachdem er die Universität von Minnesota absolviert hatte, wollte er nach New York gehen, denn: „Dort passierte was, etwas Neues!“ Er wurde in der renommierten Juilliard School zugelassen, an der er u. a. von der weltberühmten italienischen Opernsängerin Maria Callas unterrichtet wurde. „Ich habe gar keinen Tag in meinem Leben gearbeitet!“ so beschrieb er, dass die Musik für ihn kein Beruf sei, dass die innere Musik sein Leben bestimme und dass er bereits sein Leben lang singen würde, ohne auch nur einen Tag Langeweile zu spüren.

1974 debütierte er in PAGLIACCI an der Metropolitan Opera, einem der bekanntesten Opernhäuser in der Welt. Nachdem er diese Anfangszeit seiner Karriere kurz erwähnt hatte, kam endlich das Wort auf Berlin. Da er seine Karriere vorantreiben und internationaler werden wollte, entschied er sich nach einigen Jahren an der Metropolitan Opera nach Berlin zu gehen. Denn wie in New York gab es in Berlin viele künstlerische Neuheiten und Bewegungen. 1982 wurde er Ensemblemitglied der Deutschen Oper Berlin unter der Intendanz von Götz Friedrich. Hier begann er mit der deutschen Musik und Wagner sehr vertraut zu werden.

Als wir erfuhren, dass seine erste Rolle in einem Werk von Wagner König Gunther im RING DES NIBELUNGEN war, grinsten wir alle. Vor uns saß der große Künstler Lenus Carlson und sagte in einer gelassen bescheidenen Weise, dass er am Anfang keine Ahnung über die Geschichte des Rings hatte. „An der Uni habe ich alles grob gelernt und gelesen, aber ich hatte viel vergessen. Ich hab mich gefragt, was bedeutet Wagner? Und was der RING?“ Wir waren ein klein bisschen beruhigt, als wir hörten, dass ein bedeutender Künstler dieselben Sorgen und Probleme wie wir mit diesem sehr tiefgehenden Werk hatte. Bevor er überhaupt mit den Proben angefangen hatte, beschäftigte Lenus sich tagein, tagaus mit dem Werk. Er versuchte, die Figur Gunther zu verstehen. „Wer ist Gunther? Was ist die Idee dahinter? Gunther ist der Anführer der Gibichungen am Rhein. Er hat keine Frau und seine Schwester hat keinen Mann… Die Geschichte hat keine bestimmte Zeit, sie ist zeitlos!“

Götz Friedrich wollte mit dieser zeitlosen Geschichte etwas Innovatives, Neues auf die Bühne bringen. Und er machte gerne Druck, um etwas Neuartiges zu sehen. Lenus fing an, von den Proben zu erzählen. Als er sich an die Musik der Halle der Gibichungen erinnerte, machte er uns zwischendrin bewusst, wie wichtig die Leitmotive für die emotionalen Wirkungen seien. Diese Motive stellen musikalisch eine Geschichte dar. Er fuhr er mit seiner Probengeschichte fort: „Götz forderte mich auf, mich an meine Spielpartnerin Gutrune anzunähern und sie anschließend zu umarmen. Er schrie „Näher! Näher!“ Vor mir stand mein Halbbruder Hagen, der von Matti Salminen gespielt wurde. Er war wie ein Wikinger, neben ihm wirkte ich (!) sehr klein!“ Lenus stand auf und führte uns vor, wie groß Matti Salminen ist.  „Plötzlich habe ich das Gefühl, dass ich ein sehr anspruchsvoller Mann war. Ich habe mir selbst gesagt, dass Hagen groß und stark sei, ich aber der König der Gibichungen bin. Da schreit Götz Friedrich auf „Ja! Ja! Genauso!“ Ich spielte weiter mit sehr eleganten Gesten. Wer ist denn schon dieser Siegfried? Ha! Mit Schwert und Helm!“ Während Lenus Carlson uns all das erzählte und vorspielte, entstand eine sehr heitere, unterhaltsame Stimmung. Er bevorzuge die hinterhältigen bösen Rollen, da sie sehr körperlich seien.

Nachdem er uns einen kleinen Ausschnitt der Hochzeitsszene von Siegfried und Gutrune dargestellt hatte, sang er uns das Leitmotiv der Gibichungen vor. Wir waren sehr fasziniert von seiner tiefen, sehr starken Stimme. Der Boden bebte geradezu. Wir haben ihn so heftig bejubelt, dass ihn das an ein Erlebnis in Japan erinnerte. 1987 hatte die Deutsche Oper DIE GÖTTERDÄMMERUNG in Japan aufgeführt. Obwohl die Aufführung nur fünf Stunden dauern sollte, spielte das Ensemble sechs Stunden, da der Dirigent ein ziemlich langsames Tempo schlug. Als die Aufführung beendet war, applaudierten die Zuschauer über eine Stunde lang. Wir gaben staunende Laute von uns, da fügte Lenus noch hinzu, dass eine Stunde Applaus ziemlich anstrengend und lang sein könne, aber dass es ein einmaliges Erlebnis gewesen sei. Auf die Frage, wie das deutsche Publikum denn sei, antwortete er, dass es sehr emotional und expressiv sei. Letztendlich haben einige von uns nach Atemübungen und Techniken gefragt, er versuchte ganz kurz und knackig etwas von seinem Wissen weiterzugeben.

Dank ihm haben wir die Welt der Oper ein klein bisschen besser kennengelernt. Man sagt, man solle aufhören, wenn es am Schönsten ist, und das war bei uns der Fall. Das Interview war beendet. Mit der wundervollen, kreativen Energie von Lenus Carlson führten wir unsere Probe weiter…

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