Der Blog

Herzlich Willkommen im Blog der Deutschen Oper Berlin! An dieser Stelle laden wir Sie ein, mit uns gemeinsam über aktuelle Premieren und Repertoirevorstellungen ins Gespräch zu kommen. Wir nehmen Sie mit auf die Reise in die belebte Vergangenheit des Hauses, erzählen Geschichten seiner Protagonisten, geben tiefere Einblicke in die vielfältige Jugendarbeit und stellen ihnen wunderbare Künstler/Innen vor. Wir freuen uns auf Sie und ihre Kommentare!

27.11.2012

Carmen 1916 bis 2012

CARMEN gehört zu den meistgespielten Opern weltweit. Im Opernalphabet steht sie an dritter Stelle nach AIDA und (MADAME) BUTTERFLY. Auch Kreuzworträtselfreunde sind mit dem Titel vertraut. Kein Wunder also, dass die »Opéra comique« von Georges Bizet in der hundertjährigen Geschichte der Deutschen Oper Berlin bereits neunmal inszeniert worden ist. Im Schnitt also alle elf Jahre eine Neuinszenierung. Aber gab es denn in den letzten elf Jahren eine CARMEN-Premiere? Nein! In den letzten 22 Jahren? Nein! In den letzten 33? Ja! Ziemlich genau so lange ist es her, dass Peter Beauvais seine Neuinszenierung herausbrachte, die am Sonntag zum 111. Mal zur Aufführung kam. Von den neun Inszenierungen der CARMEN fallen sieben in die ersten fünfzig Jahre der Deutschen Oper Berlin. Begonnen hat es mitten im Ersten Weltkrieg, am 12. Februar 1916. Regisseur war der Gründungsintendant Georg Hartmann, und am Pult des Orchesters stand Ignatz Waghalter, der Dirigent der Eröffnungs-Premiere zwei Jahre davor. Die Bühnenbilder wurden vom Atelier Hartwig hergestellt, eigene Werkstätten besaß das Deutsche Opernhaus damals noch nicht, wenngleich darauf geachtet wurde, jedem Werk eine eigene Optik zu verpassen, dadurch, dass nicht nur einfach Bühnenbilder für einen Platz in Sevilla, eine Schlucht in den Pyrenäen etc. bestellt wurden, sondern ein Bildender Künstler an der Gestaltung beteiligt wurde. Für CARMEN wurde der Maler und Grafiker Arthur Grunenberg verpflichtet, der 1886 (nach einigen Quellen 1880) in Königsberg geboren wurde und in Berlin, München und Paris ausgebildet worden war. Sein bekanntestes Werk ist eine Serie von Lithografien der Tänzerin Anna Pawlowa in verschiedenen Rollen. Ferner illustrierte er eine Reihe von Büchern, die heute noch beim Antiquar zu finden sind, darunter eine Ausgabe der Briefe der Ninon de Lenclos und »Die Liebesgeschichte der Manon Lescaut, eine Geschichte aus galanter Zeit«, eine von Wilhelm Borngräber herausgegebene Bearbeitung des Romans von Abbé Prévost, der u. a. Massenet und Puccini als Vorlage für ihre gleichnamigen Opern gedient hatte.

 

Die Titelpartie sang Hertha Stolzenberg, die Primadonna des Deutschen Opernhauses in seinem ersten Jahrzehnt, der wir in diesem Blog sicher noch oft begegnen werden. Etwas erstaunlich vielleicht, dass Carmen von einer Sopranistin gesungen wurde und nicht, wie heute üblich von einer Mezzosopranistin. Doch auch Célestine Galli-Marié, die Sängerin der Uraufführung war nicht wegen ihrer tiefen Stimme für die Rolle ausgewählt worden, sondern wegen ihrer berühmten Diktion und Phrasierung und wegen ihrer überwältigenden Bühnenpräsenz, die sie mehr als 20 Jahre als Protagonistin an der Opéra-Comique hielt. Preiser veröffentlichte in der Reihe »Lebendige Vergangenheit« 1979 eine LP mit Aufnahmen von Hertha Stolzenberg, die leider bis heute nicht auf CD erschienen ist. Darauf ist u. a. die Seguidilla (»Draußen am Wall von Sevilla«) aus CARMEN zu hören. Don José war Karl Gentner, der 1912 in Frankfurt bei der Uraufführung von Franz Schrekers DER FERNE KLANG die Partie des Fritz gesungen hatte und seit 1914 am Deutschen Opernhaus engagiert war.

 

Nicht weniger als 30 Aufführungen erlebte CARMEN schon in der ersten Spielzeit. Bald sangen auch andere Sängerinnen die Titelpartie, namentlich Mafalda Salvatini, die eine lange Karriere in Berlin hatte und zwar abwechselnd an der Hof- bzw. Staatsoper und am Deutschen Opernhaus bzw. der Städtischen Oper. Auch sie eine Sopranistin, sie sang unter der Leitung von Bruno Walter an der Städtischen Oper die Titelpartie in der Erstaufführung von Giacomo Puccinis TURANDOT. Aber auch schon in der zweiten Spielzeit sang mit Emma Vilmar-Hansen eine Mezzosopranistin die Carmen, später, in der Zeit als Bruno Walter Generalmusikdirektor der Städtischen Oper war, sang mit Maria Olszewska eine Sängerin diese Partie, die eine ausgesprochen tiefe Stimme hatte.

 

Zwölf Spielzeiten blieb die Inszenierung von Georg Hartmann auf dem Spielplan, ehe sie abgesetzt wurde, aber nach kurzer Zeit durch eine Neuinszenierung ersetzt.

 

Am 3. Mai 1930 dirigierte Leo Blech die zweite CARMEN-Premiere am Haus. Es inszenierte Otto Krauss, der Oberspielleiter, dem in dieser Spielzeit u. a. auch Neuproduktionen von SIMON BOCCANEGRA und MIGNON zu verdanken waren. Bühnenbild und Kostüme stammten von Gustav Vargo, der ebenfalls zu den in dieser Zeit meist beschäftigten Künstlern der Städtischen Oper gehörte. Er hatte u. a. auch die berühmt gewordenen Dekorationen zu Ernst Kreneks JONNY SPIELT AUF entworfen. Und noch eine Parallele zu dieser Produktion gibt es: Ludwig Hofmann, der den Jonny in der Berliner Erstaufführung gesungen hatte, war auch Escamillo in dieser Neuproduktion. Carmen sang Sigrid Onégin, die von Bruno Walter an die Städtische Oper geholt worden war und nach dessen Weggang 1929 noch eine Weile im Ensemble verblieb.

 

Diese Inszenierung hatte nur eine halb so lange Lebensdauer. Bereits 1938 wurde sie durch eine Inszenierung des Intendanten Wilhelm Rode ersetzt. Ob es wirklich notwendig war, sei dahingestellt. Wilhelm Rode, der von Adolf Hitler persönlich in sein Amt gehievt worden war, hatte seit 1934 nach und nach alle großen Repertoireopern (namentlich die Werke von Richard Wagner) durch eigene Inszenierungen ersetzt. Die Bühnenbilder stammten von Paul Haferung, einem sehr treuen Gefährten des Intendanten. 1943 gab es sehr kurzfristig Bedarf nach einer Neuinszenierung – die Bühnenbilder von Haferung waren den Bomben zum Opfer gefallen. Benno von Arent (er trug den Titel »Reichsbühnenbildner«) schuf für die Inszenierung von Rode eine neue Dekoration, die am 5. März zum Einsatz kam. Friedel Beckmann, Paul Beinert und Hans Reinmar hatten 1938 die Hauptpartien vertreten. Interessanter aber ist es, auf die Besetzung der Nebenpartien zu achten: Frasquita sang am 17. November 1938 Elisabeth Schwarzkopf und Mercedes Herta-Karina Kutz. Zu Elisabeth Schwarzkopf muss hier nichts gesagt werden, ihre Karriere vor allem nach dem 2. Weltkrieg ist hinlänglich bekannt. Herta-Karina Kutz hingegen kennt heute wohl kaum noch jemand, denn sie hatte keine vergleichbare Karriere auf Schallplatten, aber sie sang bereits 1943 in der zweiten Rode-Premiere der CARMEN die Titelpartie.

 

Auch nach dem Krieg sang Katarina Kutz (jetzt mit einfachem Vornamen) die erste Carmen in der Städtischen Oper im Theater des Westens. Es dirigierte jetzt, am 12. Juli 1947, Robert Heger und auch die weitere Besetzung lässt aufhorchen: Elisabeth Grümmer war Micaela, Boris Greverus Don José und Josef Metternich Escamillo. Die Inszenierung blieb allerdings nur sehr kurz auf dem Spielplan. Möglicherweise waren die Nachkriegsbühnenbilder von Gerd Richter allzu spartanisch ausgefallen und man hatte zwei Jahre später das Bedürfnis nach üppigerer Ausstattung. Jedenfalls kam nun, am 18. Oktober 1949, wieder der frisch aus dem schwedischen Exil zurückgekehrte Leo Blech zu Einsatz; und zwar nicht nur als Dirigent, sondern auch als Regisseur. Die Besetzung: Margarethe Klose (Carmen), Elisabeth Grümmer (Micaela), Hans Beirer (Don José), Josef Herrmann (Escamillo) – Sänger die in den folgenden Jahren wesentlich zum Ruf der Städtischen Oper als einer Bühne des vokalen Wohllauts beitrugen.

 

Nach acht Jahren hatte auch diese Inszenierung wieder ausgedient. Inzwischen hatte die Deutsche Oper wieder einen Regisseur als Intendanten, Carl Ebert, der 1954 aus dem amerikanischen Exil an seine frühere Wirkungsstätte (1931–33) zurückgekehrt war. Er brachte am 6. Februar 1958 eine Neuinszenierung der CARMEN heraus. Zum dritten Mal sang Elisabeth Grümmer die Partie der Micaela in einer Premiere. Don José war Sandor Konya. Die Sensation jedoch war die Sängerin, die er als Gast für die Titelpartie verpflichtete: Vera Little, die später lange Jahre dem Ensemble angehörte und vor kurzer Zeit verstorben ist.

 

Nicht alle Inszenierungen der Städtischen Oper in der Kantstraße eigneten sich zur Übernahme in das viel größere Haus in der Bismarckstraße. CARMEN gehörte zu den Repertoirewerken, die so schnell wie möglich neu produziert wurden. Der Nachfolger von Carl Ebert, Gustav Rudolf Sellner inszenierte die Oper schon in seiner ersten Spielzeit neu. Zum ersten Mal dirigierte ein Franzose das Werk, Serge Baudo. Und Sellner hatte ein paar vokale Trümpfe auszuspielen. Die Titelpartie gab er einem ganz jungen Ensemblemitglied, Patricia Johnson. An ihrer Seite: James King als Don José und Pilar Lorengar als Micaela. Diese Inszenierung, die noch ein deutscher Sprache herausgekommen war, hielt sich nun etwas länger, nämlich bis man sich in den 1970er-Jahren endgültig – zumindest bei den französischen und italienischen Opern – auf die Originalsprache eingestellt hatte.

 

Am 11. Mai 1979 hatte zum ersten Mal eine französischsprachige CARMEN an der Deutschen Oper Berlin Premiere. Das Haus hatte sich in den Jahren nach der Intendanz von Gustav Rudolf Sellner unter seinen Nachfolgern Egon Seefehlner (1972–1976) und Siegfried Palm (seit 1976) nachdrücklich als Opernhaus der vokalen Superlative in den internationalen Wettstreit eingemischt. Beide Generalintendanten waren nicht selbst Regisseure und prägten infolge dessen das Haus auch nicht durch die eigene künstlerische Arbeit. Mit Produktionen von Otto Schenk (DIE FLEDERMAUS 1972 und WOZZECK 1976) oder Filippo Sanjust (LA GIOCONDA 1974 und LUCIA DI LAMMERMOOR 1980, beide noch heute auf dem Spielplan), die eine vergleichsweise konservative Auffassung von Oper vertraten, hatten sie große Erfolge. Daneben inszenierten mit Werner Kelch und Boleslaw Barlog Regisseure, die auch unter Sellner gearbeitet hatten. Neu kamen zwei Regisseure hinzu, die wie Barlog vom Schauspiel kamen, aber zusätzlich sehr viel Erfolg mit Film und Fernsehen hatten, Rudolf Noelte und Peter Beauvais. Rudolf Noelte inszenierte 1973 mit Lorin Maazel am Pult DON GIOVANNI in einer realistischen und auf Plausibilität bis auf den Herzinfarkt des Titelhelden gerichteten Version. Ähnlich detailversessen brachte Peter Beauvais 1976 DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG mit Dietrich Fischer-Dieskau als Hans Sachs heraus, es dirigierte Altmeister Eugen Jochum. In die Reihe großer Klassiker des Opernrepertoires gehörte CARMEN, die jetzt neu herausgebracht werden sollte. Anders als es sich seit Walter Felsensteins Inszenierung 1949 an der Komischen Oper mit der Zeit an kleineren und mittleren Häusern in Deutschland verbreitet hatte, sollte nicht die Fassung der Opéra-Comique zugrunde gelegt werden, sondern die Bearbeitung von Ernest Guiraud für den internationalen Gebrauch mit Rezitativen anstelle der Dialoge. Horst Stein dirigierte, René Kollo sang den Don José, José van Dam Escamillo. Für die Titelpartie engagierte Siegfried Palm eine ganz junge Sängerin, die bereits bei den Bayreuther Festspielen aufgetreten war, aber noch ganz am Anfang ihrer Karriere stand, Alicia Nafé. Die Rechnung ging auf, die Premiere gehört zu den großen Erfolgen der Deutschen Oper Berlin bei ihrem Publikum.

 

Im folgenden Jahrzehnt setzte sich auch international die ursprüngliche Fassung der CARMEN als opéra comique mit Dialogen statt Rezitativen durch. Die Befürchtung, die man noch vor wenigen Jahren haben konnte, dass die großen Sängerstars nicht bereit wären, in einer Inszenierung der Dialogfassung aufzutreten, war ebenso wenig mehr begründet wie die Befürchtung, dass sie mit der französischen Sprache nicht zurecht kommen würden, sobald es sich nicht mehr um Gesang handelt. Es erwies sich, dass die Inszenierung von Peter Beauvais mit ihrer realistischen Personenführung in ihren Grundzügen überhaupt nicht verändert zu werden brauchte, wenn statt der Rezitative die Dialoge verwendet wurden.

 

Im neuen Jahrtausend wurde es notwendig, doch tiefer in die Inszenierung von Peter Beauvais einzugreifen, damit die beliebte Produktion erhalten werden konnte. Das Bühnenbild musste den technischen Gegebenheiten angepasst werden, wenn man vermeiden wollte, dass wegen der Umbaupausen CARMEN auf die Länge der GÖTTERDÄMMERUNG gestreckt wird. Deswegen nahmen 2008 der damalige Oberspielleiter Søren Schuhmacher und der Bühnenbildner Norbert Bellen die notwendigen Anpassungen vor und retteten die Inszenierung so für die Gegenwart.

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