Der Blog

Herzlich Willkommen im Blog der Deutschen Oper Berlin! An dieser Stelle laden wir Sie ein, mit uns gemeinsam über aktuelle Premieren und Repertoirevorstellungen ins Gespräch zu kommen. Wir nehmen Sie mit auf die Reise in die belebte Vergangenheit des Hauses, erzählen Geschichten seiner Protagonisten, geben tiefere Einblicke in die vielfältige Jugendarbeit und stellen ihnen wunderbare Künstler/Innen vor. Wir freuen uns auf Sie und ihre Kommentare!

07.12.2012

Janáček in Charlottenburg

Auf 13 Janáček-Premieren kann die Deutsche Oper Berlin zurückblicken. Das ist nicht übermäßig viel, aber auch nicht so wenig. Vor dem 2. Weltkrieg allerdings ist nur eine einzige Oper von Leoš Janáček erklungen, und diese auch nur zwei Mal. Allerdings war der Komponist selbst am 31. Mai 1926 zur Premiere KATJA KABANOWA angereist und lobte die Produktion anschließend in den höchsten Tönen, ja, die Aufführungen der Oper in seiner Heimat waren ihm von da an fad geworden.

1954 ging es mit JENUFA los, 1957 folgte zum zweiten Mal KATJA KABANOWA. Drei weitere Inszenierungen der JENUFA sollten bis 2012 folgen, eine dritte von KATJA KABANOVA und drei Raritäten: DIE AUSFLÜGE DES HERRN BROUČEK, AUS EINEM TOTENHAUS und DAS SCHLAUE FÜCHSLEIN. AUS EINEM TOTENHAUS sogar zwei Mal.

Doch der Reihe nach: Mit Anny Helm und Gunnar Graarud als Katja und Tichon standen 1926 zwei allererste Kräfte in den Hauptpartien zur Verfügung. Sie traten schon im Folgejahr in Bayreuth in TRISTAN UND ISOLDE auf, eine Produktion, in großer Ausführlichkeit auf Schallplatte festgehalten wurde. Die blutjunge Anny Helm sang darin jedoch nicht, wie man erwarten würde, Isolde sondern Brangäne. Isolde war Nanny Larsen-Todsen. Erst 1935 sang Anny Helm diese Partie auch, und zwar in Italien, wo sie inzwischen lebte. Mit 21 Jahren hatte sie in Magdeburg debütiert und war kaum zwei Jahre später an die Städtische Oper Berlin gekommen, wo sie nach Katja u. a. Fricka und Kundry sang. Sie blieb an der Städtischen Oper bis zu ihrer Heirat 1933. Gunnar Graarud war nur kurze Zeit in Berlin. 1923 kam er von Mannheim an die »Große Volksoper«, die kurz vorher im Theater des Westens eröffnet worden war. Nach deren Konkurs 1925 kam er an das Städtische Opernhaus, blieb aber nur für eine Spielzeit, während der er außer in KATJA KABANOWA noch in einer Premiere sang, als Aegisth in ELEKTRA. Von Berlin ging er an das frisch renovierte Stadttheater Hamburg, wo er als der Fremde in der Uraufführung DAS WUNDER DER HELIANE mitwirkte. Janáček verlangt immer zwei Tenöre in der ersten Reihe. Für die Partie des Boris stand Josef Burgwinkel zur Verfügung, der wie Anny Helm ganz neu, während der Spielzeit 1925/26 an die Städtische Oper gekommen war. In den folgenden elf Jahren wirkte er in insgesamt 34 Premieren mit, darunter als Protagonist und Zar in dem Krenek-Doppelabend DER PROTAGONIST / DER ZAR LÄSST SICH FOROGRAFIEREN, vor allem aber als Max in dem Erfolgsstück JONNY SPIELT AUF. Nach dem Krieg wechselte er das Fach und sang die Titelpartie im RIGOLETTO in der Staatsoper. Dirigent der KATJA KABANOWA war Fritz Zweig, den Bruno Walter wie Graarud von der »Großen Volksoper« an die Städtische Oper geholt hatte und der schon 1927 an die Krolloper wechselte, wo er 1931 AUS EINEM TOTENHAUS von Janáček herausbrachte, worauf wir noch zurückkommen werden. Die Inszenierung stammte von Alexander Schum, der später Intendant in Braunschweig und Oberspielleiter bei Gründgens in Düsseldorf war, ehe er gewissermaßen das Fach wechselte und – als Saarländer – Programmdirektor beim Saarländischen Rundfunk wurde. KATJA KABANOWA war das erste Bühnenbild von Gustav Vargo an der Städtischen Oper. Acht Jahre sollte er bleiben und nicht weniger als 48 Bühnenbilder schaffen, darunter den RING DES NIBELUNGEN.

Den Anfang mit Leoš Janáček nach dem 2. Weltkrieg machte Werner Kelch mit JENUFA. Beginnen wir bei der Besetzung mit den zwei Tenören: Ludwig Suthaus sang den Laca, Horst Wilhelm den Stewa. Ludwig Suthaus ist vor allem als Tenor Furtwänglers bekannt, er singt in den Schallplattenaufnahmen von TRISTAN UND ISOLDE und dem RING DES NIBELUNGEN; er war seit 1949 fest im Ensemble der Städtischen Oper Berlin und sang hier alle Partien des (jugendlichen) Helden im deutschen wie italienischen Fach. Horst Wilhelm hatte von 1951 bis 1956 ein Engagement als Erster lyrischer Tenor, sang jedoch zuerst vorwiegend kleinere Partien wie den Steuermann im FLIEGENDEN HOLLÄNDER oder den Leiter der Feuerwache bei der Uraufführung PREUSSISCHES MÄRCHEN. Lorenzo in FRA DIAVOLO und Stewa in JENUFA waren die ersten größeren Partien. Später wirkte Horst Wilhelm lange Jahre an der Hamburgischen Staatsoper, wo er bei etlichen Uraufführungen mitwirkte. Für die Titelpartie verpflichtete der Intendant Carl Ebert Elfriede Wasserthal, die seit 1947 fest zum Ensemble der Hamburgischen Staatsoper gehörte, und dort gerade eben als Jenufa Triumphe gefeiert hatte. 1943/44 war sie schon einmal am Deutschen Opernhaus und trat u. a. als Dorabella in COSÌ FAN TUTTE und Maria in SIMON BOCCANEGRA auf. Jetzt alternierte sie als Jenufa mit Elfride Trötschel, die an allen drei Berliner Opernhäusern der Nachkriegszeit tätig war – am längsten, von 1953 bis zu ihrem frühen Tod 1958, an der Städtischen Oper. Zwei große Wagnersängerinnen standen als Küsterin und Die alte Buryja auf der Bühne: Margarethe Klose und Johanna Blatter. Es dirigierte Richard Kraus, Generalmusikdirektor des Hauses seit 1953. Die Inszenierung stammte von Werner Kelch, seit 1946 einer der wichtigsten Regisseure vor allem der Moderne wie PETER GRIMES, ALBERT HERRING, DIE FLUT (Blacher), TROILUS UND CRESSIDA (Zillig), aber auch zweier DON GIOVANNI (1946 und 1953).

Auf JENUFA folgte nach drei Jahren auch eine neue KATJA KABANOVA, inszeniert von Wolf Völker, der neben Carl Ebert den künstlerischen Weg des Hauses wesentlich prägte (vorher hatte er an der Staatsoper inszeniert, so etwa 1951 die sofort verbotene Uraufführung DAS VERHÖR DES LUKULLUS von Paul Dessau). Die Ausstattung stammte von Wilhelm Reinking, den Carl Ebert 1955 als Ausstattungsleiter endlich fest an das Haus geholt hatte (vor dem Krieg hatte er nur als Gast bei seinen Inszenierungen mitgewirkt). Elfride Trötschel sang die Titelpartie, Irene Dalis war die Kabanicha, Sándor Kónya Tichon und Martin Vantin Boris. Bis 1958 blieben JENUFA und KATJA KABANOWA auf dem Spielplan, allzu viele Aufführungen gab es allerdings nicht, JENUFA wurde 28 Mal, KATJA KABANOWA gar nur zehn Mal gespielt.

1976 und 1986 kamen diese beiden Opern wieder zu einer Neuinszenierung, zuerst JENUFA durch Bohumil Herlischka, dann KATJA KABANOWA durch Günter Krämer, der damit ein langjähriges Wirken an der Deutschen Oper Berlin begann. Jenufa war 1976 Pilar Lorengar, 1984 sang in einer Neueinstudierung Gabriela Beňačková. Katja 1986 verkörperte ab 1986 Karan Armstrong, die Premiere wurde vom Rundfunk mitgeschnitten, ist aber bisher nicht auf Tonträger erschienen.

Genau zwischen diesen beiden Premieren lag die Aufführung von AUS EINEM TOTENHAUS. Götz Friedrich hatte sich dieses große Ensemblestück (genau gesagt ist nur das Herrenensemble gefordert, dieses aber ausgiebig) für seinen Einstand als Generalintendant und Chefregisseur ausgesucht. Eine wesentliche Anregung dazu kam von Fritz Zweig aus Kalifornien, der diese Oper genau 50 Jahre vorher als letzte Premiere der danach auf Druck der Nazis geschlossenen Krolloper dirigiert hatte. Durch seine Ehefrau Karan Armstrong war Götz Friedrich in Kontakt mit Fritz Zweig gekommen. Fritz Zweig war mit Tilly de Garmo verheiratet, einer Sängerin der Berliner Opernhäuser um 1930 (an der Städtischen Oper sang sie im WILDSCHÜTZ), der Lehrerin von Karan Armstrong. Mit AUS EINEM TOTENHAUS sollte an eine große Berliner Tradition angeknüpft werden, die Tradition der von Otto Klemperer gegründeten Krolloper, auf deren Spuren auch einst Walter Felsenstein mit seiner Komischen Oper gewandelt war, von der aber bis dahin im Westteil der Stadt nicht viel die Rede war. Götz Friedrich verknüpfte das Lebensbild aus den zaristischen Straflagern mit der Legende des Baus der Transsibirischen Eisenbahn und ließ Josef Svoboda ein Bühnenbild mit in die Unendlichkeit führenden Eisenbahnschienen bauen. Ob die Sträflinge die Eisenbahn bauten oder abbauten, wurde bewusst in der Schwebe gehalten. Es ging eher darum, den ständigen Befehl „Arbeiten! Arbeiten!“ für sich stehen zu lassen, Arbeiten um des Arbeitens willen. Das Zeichen der Eisenbahnschiene fügte Götz Friedrich auch in seine letzte Inszenierung an der Deutschen Oper zu Weihnachten 2000 ein, AMAHL UND DIE NÄCHTLICHEN BESUCHER von Giancarlo Menotti. Mit Vaclav Neumann dirigierte einer der bedeutendsten Janáček-Spezialisten AUS EINEM TOTENHAUS, die vier Hauptpartien sangen Donald Grobe, Hermin Esser, Gottfried Hornik und William Dooley.

Davor aber, schon 1969, gab es eine Janáček-Rarität zu bestaunen an der Deutschen Oper Berlin: DIE AUSFLÜGE DES HERRN BROUČEK. Winfried Bauernfeind inszenierte das Ensemble mit Annabelle Bernard, Barbara Vogel, Martin Vantin, Loren Driscoll, Manfred Röhrl, Tomislav Neralić u. a. Es dirigierte Bernhard Klee.

Mit DIE SACHE MAKROPULOS setzte Günter Krämer 1990 seine Auseinandersetzung mit Janáček fort, wiederum mit Karan Armstrong in der Titelpartie und wieder in einer Ausstattung von Andreas Reinhardt. Zusammen mit der 1988 inszenierten LADY MACBETH VON MZENSK bildeten die beiden Janáčeks eine »slawische Trilogie« von Günter Krämer, deren Konstante neben dem Bühnenbildner die Besetzung der Titelpartie mit Karan Armstrong bildete. Das Besondere daran war die Konzentration auf die Personenführung, die sich nie in die Nebensächlichkeiten eines vordergründigen Realismus verlor, sondern sich ganz auf das Wesentliche beschränkte.

DAS SCHLAUE FÜCHSLEIN gehört zu den legendären Aufführungen der Komischen Oper in den 50er-Jahren. Walter Felsenstein hatte alle Register des realistischen Musiktheaters gezogen, über ein halbes Jahr mit seinen Sängern probiert und Exkursionen in den Tierpark unternommen. Es war also kein einfaches Unterfangen, diese Oper 2000 neu zu interpretieren. Doch mit Katharina Thalbach wurde jemand gefunden, der es wagte, gegen die Legende anzutreten. Ursprünglich wollte sich der Generalmusikdirektor, Christian Thielemann, daran beteiligen, doch ein kurzfristiger Ruf nach Bayreuth hinderte ihn daran. Daher dirigierte noch einmal Jiři Kout, der schon bei den Krämer-Inszenierungen dabei war. Zusammen mit dem Ausstatter Ezio Toffolutti entwickelte Katharina Thalbach ein bezauberndes Bühnenmärchen, das inzwischen im Weihnachtsspielplan unverzichtbar ist und auch gerade jetzt wieder auf dem Spielplan steht. Katharina Thalbach war nach genau 30 Jahren die erste Frau, die im Regiestuhl Platz nahm. 1970 hatte Margherita Wallmann DIE MACHT DES SCHICKSALS inszeniert.

Vier Neuinszenierungen von Janáček-Opern brachte das neue Jahrtausend bis jetzt, zwei Mal JENUFA und je einmal AUS EINEM TOTENHAUS und DIE SACHE MAKROPULOS. JENUFA (2002) und DIE SACHE MAKROPULOS (2004) waren keine Eigenproduktionen, sondern Inszenierungen von Nikolaus Lehnhoff aus Glyndebourne. AUS EINEM TOTENHAUS (2005) eine zweite Produktion, die von Christian Thielemann angestoßen, dann aber doch nicht dirigiert wurde. Es inszenierte Volker Schlöndorf. JENUFA, inszeniert in der letzten Spielzeit von Christof Loy, soll nun eine erneute Auseinandersetzung mit Janáček anstoßen, die von Donald Runnicles getragen wird. Der Erfolg war einhellig und lässt hoffen, dass Janáček jetzt wirklich im Repertoire angekommen ist und nicht mehr zu den unwägbaren Raritäten gehört.

 

 

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